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Frankreich 2016
2017-2019 © Peter E. Burkhardt

 

Reise nach Frankreich 2016

 

Inhaltsverzeichnis

Reliefdaten © OpenStreetMap contributors

Reliefdaten: https://maps-for-free.com ("MFF-maps are released under Creative Commons CC0") sowie © https://www.openstreetmap.org/copyright

 

Dune du Pilat

Mont-Saint-Michel

 

 

 © 2017 Peter E. Burkhardt. Alle Rechte vorbehalten, außer gekennzeichnete Werke. Ausgabe Web. Hinweise bitte an www.pegons-web.de/Aktuelles

Frankreich 2016: Inhaltsverzeichnis
2019 © Peter E. Burkhardt

Inhalt

Seite

Fr 23.09. – Start in Chemnitz, München, Pforzheim

3

Pforzheim und der Wallberg

5

Grillfest und neues Ziel

8

Mo 26.09. – Pforzheim, Mulhouse, Moulins

9

Di 27.09. – Moulins, Bordeaux, Camping de la Dune

11

Mi 28.09. – Camping de la Dune, 1. Tag

17

Der erste Zeltplatz-Morgen

17

Weg auf die Düne

19

Geschichte der Düne

23

Wanderung zum südlichen Dünenende

25

Rückweg vom Süden bis zur Zeltplatz-Leiter

27

Wanderung zum nördlichen Dünenende

28

Rückweg im Wasser und quer über die Düne

31

Ende des 1. Tages mit Besuch in der Nacht

32

Do 29.09. – Camping de la Dune, 2. Tag

34

Der zweite Zeltplatz-Morgen

34

Auf der Düne nach Norden

37

Treppe, Markt und Parkplatz

42

Rückweg durch den Wald

45

Sonnenuntergang auf der Dune du Pilat

49

Fr 30.09. – Camping de la Dune, Bordeaux, Nozay

52

Sa 01.10. – Nozay, Rennes, Mont-Saint-Michel

55

Sa 01.10. – Mont-Saint-Michel

57

Weg zum Mont-Saint-Michel

57

Geschichte des Mont-Saint-Michel

63

Wallfahrer, Pilger und Touristen

67

Zugang zur Felseninsel

69

Stadt Mont-Saint-Michel mit Pfarrkirche

70

Die Abteikirche

73

In der Abteikirche

77

Auf der Westterrasse

79

Der Kreuzgang

80

Der Rittersaal

81

Der Gästesaal

81

Der Lastenaufzug

82

Der automatische Staudamm

83

Reliquien und Tourismus

86

Sa 01.10. – Mont-Saint-Michel, Rouen, Aire de Behen

87

So 02.10. – Aire de Behen, Charleroi, Kelmis

89

Mo 03.10. – Kelmis

89

Di 04.10. – Kelmis, Köln, Gießen, Eisenach, Chemnitz

89

Anhang

90

 

 

 

 

 

Frankreich 23.09.2016: Start in Chemnitz – Pforzheim
2017 © Peter E. Burkhardt

Fr 23.09. – Start in Chemnitz, München, Pforzheim

Route 23.9.2016 (693 km)

Chemnitz > Weiden > Regensburg > Gewerbegebiet Degernpoint in Moosburg an der Isar, Hausler-Getränke (48.46973, 11.96327) > Rastanlage Vaterstetten West (AB Münchner Ring Ri Salzburg) > Augsburg > Ulm > Stuttgart > Pforzheim

Das Ziel

Die Überschrift täuscht, ein richtiges Reiseziel hatte ich nicht. Fakt ist nur, am Mittwoch hatte ich mit R. telefoniert. Seine Einladung zum Grillen nahm ich gerne an, der Süden stand sowieso noch auf meiner Tagesordnung. Pforzheim bringt mich Spanien schon etwas näher, so dachte ich. Die Strecke quer durch Frankreich kannte ich zwar, aber das sollte mich nicht davon abhalten, wieder über Bayonne nach Spanien zu fahren.

Diesmal wollte ich im Norden Spaniens möglichst in Küstennähe bis nach Santiago de Compostela und dann weiter bis zum "Ende der Welt", nach Fisterra, fahren. Dort hatte ich im Jahre 2009 schon einmal die Mystik des Jakobsweges erleben dürfen. Nun zogen mich die Kathedrale in Santiago und das Ende der Welt wieder an.

Ich würde dabei durch die Berge von Cantabrien und Asturien fahren sowie die Städte Bilbao, Santander, Oviedo und La Corunia streifen. In dieser Gegend war ich noch nie.

Zwar war es schon reichlich spät für diese Reise. Schließlich hatten wir schon die vierte Septemberwoche. Bald würde es auch in Spanien ab und zu regnen. Von Chemnitz über Pforzheim bis Bayonne an der spanischen Grenze wären es rund 1700 Kilometer gewesen, dann nochmals 820 Kilometer bis an den westlichsten Punkt Spaniens am Atlantik. Allerdings müsste ich bis zum 17. Oktober wieder zu Hause sein, den wichtigen MRT-Termin am 18. durfte ich keinesfalls verpassen. Ich ahnte schon, es wird knapp. Dass dann wieder einmal alles ganz anders wurde, wusste ich noch nicht.

Gäste im Auto

Das Auto war wie immer fast voll, Matratze mit Schlafsack, Zelt, Wanderklamotten, Rucksäcke, Campingstuhl, Verpflegung und normale Kleidung nahmen viel Platz weg, zumal der Dacia Kombi doch etwas schmaler als der frühere Omega Caravan ist. Da ich aber allein reiste, blieb für die Nächte im Auto noch genug Freiraum. Die Rückenlehne der hinteren Sitze hatte ich diesmal nicht im Keller verstaut, sondern nur umgeklappt. Auch die hinteren Kopfstützen lagen im Fußraum. Später sollte sich herausstellen, wie vorteilhaft das ist.

Die Kathedrale in Santiago de Compostela im Jahre 2009.
Ich wollte sie wiedersehen und Jakob um Hoffnung bitten.

Ende des Jakobsweges am "Ende der Welt" in Finisterre. Von Santiago bis hierher sind es nochmals 160 Kilometer, ein Muss für jeden ernsthaften Pilger. (Foto 2009)

Kilometer Null, Ende der Reise und Neubeginn zugleich. Kein Weg endet wirklich. Wäre dem so, gäbe es keine Hoffnung. Und nur sie trägt uns fort von Ausweglosigkeit und Verzweiflung. (Foto 2009)

Frankreich 24. und 25.09.2016: Pforzheim
2017 © Peter E. Burkhardt

 

Dieser Weg ist getan, der neue beginnt mit Zuversicht. Wir sind immer auf einem Weg, der Ziel ist und nicht endet. Wer glaubt, den Weg nur zu (be)treten, um ein Ziel zu erreichen, übersieht die Blumen am Wegrand und ist oft enttäuscht bei der vermeintlichen Ankunft. Alles ist im Fluss.

Jedenfalls holte ich wie geplant das Kuchlbauer Weißber (Alte Liebe), diese bayerische Spezial-Sorte gibt es in Sachsen nicht. Von der Autobahn bis zum Getränkehändler im Gewerbegebiet Degernpoint (Moosburg) ist es nur ein Katzen­sprung.

Kurz vor dem Münchner Ring wollten die beiden aussteigen, da ich weiter Richtung Stuttgart fahren musste. Doch der Parkplatz war wenig frequentiert, sie meinte nur: "Hier kommen wir nie weg.". Eine gewisse Erfahrung hatten die beiden beim Trampen. Sie wussten genau, wo die meisten Chancen für eine Weiterfahrt bestehen. Schon im Vorjahr waren sie gemeinsam in Slowenien, auch nur eine Woche, um sich dort mit Freunden zu treffen und um zu klettern. Alles ohne öffentliche Verkehrsmittel und mit sehr wenig Geld. Ich hätte nicht gedacht, dass dies in der heutigen Zeit noch möglich ist. Vor 50 Jahren war die Tramperei noch üblich, aber heute? Jedenfalls sah ich eine gewisse Ratlosigkeit in ihren Augen. Mein Angebot, sie bis zur Auto­bahn­raststätte Vaterstetten zu fahren, nahmen die beiden dankbar an. Für mich bedeutete dies allerdings, ich musste Richtung Salzburg fahren. Österreich war zwar für die beiden das nächste Ziel, für mich aber nicht.

Auf dem Rastplatz Vaterstetten war viel Betrieb. Noch als ich nach einem Bedürfnis zurück zum Auto kam, sah ich das Mädel mit einem LKW-Fahrer verhandeln. Für mich bestand kein Zweifel, die beiden Tramper würden von hier aus vielleicht noch ihr heutiges Ziel, Salzburg, erreichen. Übrigens berichteten sie mir, mit Zelt sei es kein Problem, unterwegs zu sein. Notfalls muss eben ein Park als Zeltplatz herhalten. Sie hatten darin Erfahrung. Mir gefällt das.

Aldi, Geldautomat und Tankstelle waren schnell erledigt. Kurz nach 10 strebte ich der Autobahn zu, diesmal allerdings mitten durch Chemnitz Richtung Auffahrt Süd. Auf der Zwickauer Straße bekam ich Zuwachs. Zwei Tramper standen an einer Bushaltestelle mit Schild "München". Das war zwar genau meine Richtung, aber normalerweise lasse ich niemand ins Auto. So fuhr ich auch dieses Mal an den beiden vorbei ohne anzuhalten, aber betont langsam, um zu sehen, was das für Typen sind. Ein junger Mann und eine noch jüngere Frau, zwei riesengroße Rucksäcke und Taschen, ordentlich gekleidet, vielleicht Studen­ten, dachte ich.

Mich ritt der Teufel, so sagt man doch, wenn man Dinge tut, die man sonst nie tut. Vielleicht sollte ich etwas Gutes tun, den beiden und auch mir. Schließlich hatte ich eine lange Fahrt vor mir und etwas Unterhaltung wäre deshalb nicht schlecht. In Aufbruchstimmung und Abenteuer­laune war ich sowieso.

An der nächsten Wendemöglichkeit fuhr ich zurück, jetzt mit der Befürchtung, sie könnten schon weg sein. Aber nein, sie standen noch brav da, er mit dem Schild vor der Brust und sie etwas abseits, die Rucksäcke noch weiter weg. Man muss ja nicht gleich zeigen, was da alles mit soll.

Es dauerte ein Weilchen, bis alles verstaut war. Zum Glück kam kein Bus. Vor allem musste erst die Rückwand wieder montiert und wenigstens ein hinterer Sitz freigemacht werden. Nun war das Auto wirklich voll. Das Mädel saß etwas eingezwängt hinten rechts, der recht große Kerl neben mir. Hinten stapelte sich allerlei Gepäck. Im Stillen machte ich mir Gedanken, wo der Kasten Bier noch hin sollte, den ich für R. in Bayern mitnehmen wollte.

Meine Vermutung war richtig. Hatte ich doch zwei Studenten der Chemnitzer Uni aufgegabelt, die für eine Woche nach Slowenien wollten. Insgeheim war ich froh, es hätten ja auch Leute mit schlechterem Background sein können. Meine Menschenkenntnis und mein Vertrauens­vorschuss wurden nicht enttäuscht. Die Fahrt wurde die kurzweiligste, die ich je von Chemnitz nach München hatte. Sie erzählten mir viel, ich erzählte von meinen Reisen, fragte auch viel, selbst die Politik kam nicht zu kurz.

Da dies hier der Bericht fürs Web ist, unterbleiben weitergehende Informationen.

Frankreich 24. und 25.09.2016: Pforzheim
2017 © Peter E. Burkhardt
Fahrt nach Pforzheim

Wieder allein dachte ich noch lange über unsere Gespräche nach. Immer wieder wird einem bewusst, wie wertvoll der Gedankenaustausch mit anderen Menschen ist. Keinesfalls bereute ich, die beiden mitgenommen zu haben.

Von Vaterstetten musste ich in Richtung Salzburg fahren ehe die Möglichkeit bestand, in der Gegenrichtung meinem eigentlichen Ziel näher zu kommen. Erst 17.20 Uhr erreichte ich die Autobahn Richtung Stuttgart. Nach dem stockenden Verkehr auf dem Münchner Ring hatte ich nun freie Fahrt. Die Autobahn ist jetzt durchgängig dreispurig. Nach jahrelangem Ausbau hat man es also tatsächlich geschafft, auch in Westrichtung von München aus dem ständig steigenden Verkehr Rechnung zu tragen. Es war manchmal eine Katastrophe, vor allem von München bis Augsburg wegen der vielen Pendler.

Nach dem Navi müsste meine Ankunft in Pforzheim um 19.15 Uhr sein, zeitig genug, um noch gepflegt zu Abend speisen zu können. Auf R. und M. freute ich mich, und natürlich auf das Grill-Wochenende. Da der Wetterbericht Sonne versprach (so wie heute), konnte eigentlich nichts mehr schief gehen.

Pforzheim und der Wallberg

An dieser Stelle füge ich ein paar Pforzheimer Impressionen vom August 2016 ein, gewissermaßen als Ersatz für die Erlebnisse vom Samstag und Sonntag, die nur dem privaten Zugriff vorbehalten sind.

Der Wallberg in Pforzheim war früher als natürlicher Berg wesentlich niedriger. Durch Auf­schüttung in den 50iger Jahren mit Millionen von Tonnen Kriegstrümmern und Bauschutt stieg seine Höhe auf 417 Meter an. In den Jahren 1966 und 1967 wurde dem Berg eine ordentliche Form gegeben, mit der Voraussicht, den Berg wieder einer vernünftigen Verwendung zuzuführen. Den krönenden Abschluss der Sanierung bildete die Einweihung zum "Mahnmal Wallberg" im Februar 2005. Damit wurde eine würdiges Denk­mal zum Gedächtnis an die vielen Toten des fast völlig ausradierten Pforzheim durch die britischen Bomber geschaffen.

Mächtige Stelen aus nichtrostendem gebürsteten Stahl fordern sofort die ganze Aufmerksamkeit des Besuchers, wenn er die Bergspitze erreicht. Man wird förmlich angezogen, um die Schriftta­feln zu lesen. Darauf ist die Entstehung des Mahnmals geschildert, einige Fakten zur Bedeu­tung und auch die vielen Namen der Spender.

Der Wallberg (48.89572, 8.66821) in Pforzheim (2016)

Seit 2005 ist der Wallberg auch Mahnmal an Kriegsopfer.

370 m Berghöhe versprechen eine gute Rundumsicht.

Erster Eindruck: Mächtige Stelen fordern Aufmerksamkeit.

Frankreich 24. und 25.09.2016: Pforzheim
2017 © Peter E. Burkhardt

Auf einer der Tafeln wird auf den britischen Dresden-Trust verwiesen, der vor allem den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche gefördert hat. Darüber hinaus wurde von ihm auch das Projekt des Wallberg-Mahnmals unterstützt.

Auf dem Schild steht wörtlich:

Der britische Dresden-Trust, der den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche zum Gedächtnis der Opfer der im Zweiten Weltkrieg in Europa stattgefundenen Luftangriffe fördert, unterstützt die Errichtung dieses Mahnmals und schreibt:

"In Demut vor Gott drücken wir unser tiefstes Bedauern aus, dass durch britische Kriegshandlung am 23. Februar 1945 so viele Menschem ums Leben kamen und das alte Pforzheim dabei völlig ausradiert wurde. Ebenso wie die Dresdner Frauenkirche symbolisieren diese Stelen unseren festen und gemeinsamen Willen, alle Opfer zu ehren und alles in unserer Kraft Stehende zu tun, um eine humanere Welt zu schaffen. Wir mahnen mit und entbieten die Hand der Freundschaft. Mögen wir auch mit dem Herzen aufeinander zugehen und uns Gottes Segen zu immer besserer Verständigung gewiss sein."

Die Kirchenglocken in Coventry/England und Pforzheim läuten am 14. November und am 23. Februar jeden Jahres an den Tagen der jeweiligen Stadtzerstörung als Zeichen der Versöhnung.

Mich erinnerte dieser Text sofort an die Ruine der Dresdner Frauenkirche, die zwar aus Kosten­gründen zu DDR-Zeiten weder verschwand noch als Grundlage für einen Kirchen-Neubau diente. Die Ruine gehörte einfach zum Stadtbild und erinnerte so an die schreckliche Bombennacht am 13. Februar 1945, in der die alliierten Bomber Dresden in ein einziges Flammenmeer verwandelten. Nur 10 Tage später traf es Pforzheim.

Die Stelen tragen Tafeln zur Entstehung des Wallberges.

Eine der Stelen-Tafeln, Originaltext des oberen Teils:
"Natürliche Höhe des Berges: 378 Meter.
1952 bis 1966 Aufschüttung des Wallbergs mit ca. 1,65 Millionen cbm Trümmern und Bauschutt auf 417,5 Meter.
Februar 1988 Anbringung einer Gedenktafel.
1966 bis 1967 Land-Art-Modellierung der Kuppe zum mahnenden Gedenken an den Luftangriff vom 23. Februar 1945. Februar 2005 Errichtung Mahnmal Wallberg."

Die neue Dresdner Frauenkirche nach 11 Jahren Bauzeit, geweiht am 30. Oktober 2005 (Foto 2006)

Der Bestand der Ruine war ein Glücksfall. Nach der Wende entstand in jahrelanger Bautätigkeit und mit weltweiter finanzieller Unterstützung die Frauenkirche neu, nach rekonstruierten Bauunterlagen originalgetreu und schöner denn je.

Originaltext einer weiteren großen Kupfertafel:
"Trümmerberg, 23. Februar 1945
Dieser künstliche Berg entstand auf dem Wallberg aus Trümmern Pforzheims. Er erinnert an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, besonders an den 23. Februar 1945. In weniger als 20 Minuten wurde die Stadt fast völlig zerstört. Mehr als 18.000 Menschen fanden den Tod.
Der totale Krieg – vom nationalsozialistischen Deutschland entfacht – richtete sich nun auch gegen unsere Stadt."

Frankreich 24. und 25.09.2016: Pforzheim
2017 © Peter E. Burkhardt

Aber nicht nur der historische Bezug der Gedenkstätte ist interessant. Vom Wallberg aus hat man einen herrlichen Rundumblick auf Pforzheim und das Umland. Es lohnt sich, an einem schönen Tag die kleine Wanderung zu machen und somit auch etwas für die eigenen Gesundheit zu tun.

Es gibt eine Parkmöglichkeit ca. 300 Meter unterhalb der Bergkuppe direkt an der Straße "Auf der Wanne". Die Zufahrt erfolgt von der Wallbergallee aus über die Kuppenheimstraße. Wer zu Fuß ist, erreicht vom Bahnhof Pforzheim aus den Wallberg nach 3,5 Kilometern. Der Wanderweg führt teilweise durch steiles Gelände, aber auch durch erholsamen Wald.

Pforzheim Gewerbegebiet Wilferdinger Höhe

Pforzheim, südlich vom Gewerbegebiet Wilferdinger Höhe

Pforzheim Zentrum

Bahnhof Durlacher Straße, hinten der Hauptbahnhof

Pforzheim Gewerbegebiet und Einkaufszentrum

Gewerbegebiet Wilferdinger Höhe (südwestlicher Rand)

Pforzheim Zentrum

Christuskirche mit Pfarrhaus in Brötzingen (rechts)

Frankreich 24. und 25.09.2016: Pforzheim
2017 © Peter E. Burkhardt

Besonders beliebt und auch für Fotos bzw. Videos lohnenswert ist der Wallberg zu Silvester. Das sich bietende Feuerwerk über der Stadt ist atemberaubend. Zeitiges Kommen sichert den besten Platz.

Nordstadt, im Hintergrund der Wartberg (Mitte)

Blick vom Fuße des Wallbergs (Auf der Wanne)

Pforzheimer Wasserturm auf dem Wartberg (Nordstadt)

Sparkassenturm (rechts), Bezirksamtsturm (Mitte)

Der Wallberg ist auch geschichtlich interessant. Der Südhang bot schon zur Zeit der alten Römer hervorragende Bedingungen für den Weinanbau. Später wurde der Muschelkalkboden auch in Steinbrüchen genutzt. Früher gab es für Spaziergänger und Naturfreunde auf der Kuppe ein Lokal.

Damals wie heute war der Wallberg ein Erholungsgebiet und Aussichtspunkt. Die Zeit vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis 1967 war nur ein böses Zwischenspiel. So wie in vielen anderen deutschen Städten musste auch in Pforzheim ein Platz für die Trümmer gefunden werden. München, Stuttgart und Augsburg hatten noch höhere Schuttberge aufgetürmt. Der Ausbau zur Gedenkstätte ist wichtiger Baustein zur Bewältigung der deutschen Geschichte und mahnt uns, diese düstere Zeit nicht zu vergessen.

Grillfest und neues Ziel

Nach dem gemeisamen obligatorischen Samstag-Einkauf mit R. und M. verbrachten wir fast die ganze restliche Zeit des Wochenendes im Garten, mit Familie. Das Bier hat wie immer geschmeckt, ich kann die "Alte Liebe" nur empfehlen. Stan­desgemäß hat auch das Wetter mitgespielt, Samstag und Sonntag. Schön wäre es, wenn es so bliebe. Leider war der Mann vom Wetterbericht anderer Meinung. Am Montag sollte ein Tief vom Westen kommen, genau dort wollte ich hin.

Nun musste ich mich langsam entscheiden, wo die Reise hingehen sollte. Es kam, wie es kommen musste: Mein vorerst neues Ziel war die Düne von Pilat (Dune du Pilat) südwestlich von Bordeaux. Diese Düne ist riesengroß und kann begangen werden, für mich genau das Richtige. Ich würde dort wandern gehen, das Meer genießen und den Sonnenuntergang mittels Video festhalten. So waren jedenfalls die Empfehlungen lt. Internet. Entsprechend Recherche sollten es von Pforzheim bis zum Zeltplatz an der Düne ca. 1330 Kilometer sein. Dort könnte ich mir dann das nächste Ziel ausdenken. So war mein neuer Plan.

Frankreich 26.09.2016: Pforzheim – Moulins
2017 © Peter E. Burkhardt

Mo 26.09. – Pforzheim, Mulhouse, Moulins

Route 26.9.2016 (610 km)

Pforzheim > Ettlingen > Offenburg > A36 Mulhouse > D83 Belfort > D683 Besançon (Stadtdurchfahrt) > D673 Dole > D673 > N73 S-Umfahrg. Chalon sur Saone > N80 > N70 > N79 S-Umfahrg. Digoin > N7 > D707 Moulins, F1-Hotel

Start in Pforzheim

Montag früh 10.15 Uhr Abfahrt in Pforzheim, blauer Himmel, starker Westwind, 2 Baustellen, noch kein Ziel im Navi und der Tank war auch fast leer. Ich brauchte fast 30 Minuten durch die Innenstadt. An der Jet-Tankstelle kurz vor der AB-Auffahrt Wilferdinger Höhe löste ich einen Teil meiner Probleme: Tanken, Toilette und die Zieleingabe. In Bordeaux gibt es nicht nur im Osten, sondern auch an der Westumfahrung ein F1-Hotel. Das liegt näher an der Düne. So würde ich früh entspannt zum Atlantik fahren können, ohne mir schon wieder Gedanken um die nächste Nacht machen zu müssen.

Das Navi zeigte 1020 Kilometer bis zum F1-Hotel Bordeaux-West. Da es erfahrungsgemäß unwahrscheinlich war, es an einem Tag auf mautfreien Straßen bis dorthin zu schaffen, plante ich einen Zwischenstopp im F1-Hotel in Moulins ein. Dort hatte ich schon auf meiner Portugal-Reise in 2015 übernachtet.

Polizeikontrolle vor Mulhouse

Die Fahrt führte auf der deutschen Seite über Ett­lingen, Offenburg und dann in Richtung Mul­house (Mülhausen) in Frankreich. Kurz nach der nicht sofort erkennbaren Grenze ging garnichts mehr, Stau, Geschwindigkeitsbegrenzung auf 10 km/h, Radar und andere Polizei-Überwachung am Autobahnrand der A36. Vor mir hatten drei deutsche Motorradfahrer Mühe, sich bei der langsamen Fahrt auf den schweren Maschinen zu halten. Was war los? Nach etwa zwei Kilometern hätte man denken können, die gesamte französische Polizei der Region macht einen Ausflug. Schwer bewaffnete Leute eines Einsatz­kom­mandos in mir nicht bekannter Uniform (ähnlich dem SEK in Deutschland) fischten verschiedene Autos aus dem Stau und leiteten sie auf einen großen Parkplatz. Ich habe 9 Polizeiautos gezählt. Zwei der drei Motorradfahrer hatten Pech und wurden ebenfalls zur Kontrollstelle dirigiert. Vielleicht hatten dem Polizisten die Sturzhelme im Stahlhelm-Look nicht gefallen. Aus Solidarität fuhr der dritte einfach hinterher. Der hatte einen normalen Sturzhelm auf. Ich selbst blieb verschont. Man muss mir angesehen haben, dass ich Sachse und brav bin.

In Pforzheim war noch blauer Himmel, aber windig.

Auf dem Weg zum Stadtzentrum

Innenstadt von Pforzheim

Zum großen Teil ist Pforzheim gut begrünt.

Frankreich 26.09.2016: Pforzheim – Moulins
2017 © Peter E. Burkhardt

Nach dem Parkplatz war der Spuk vorbei. Wahrscheinlich hing die ganze Geschichte mit der anhaltenden Terrorbedrohung in Frankreich zusammen. Seit den Anschlägen in Paris im November 2015 war immer noch Ausnahmezustand. Im weiteren Verlauf meiner Reise sollte ich noch mehrmals mit der besonders angespannten Lage in Frankreich konfrontiert werden.

Inzwischen schien die Sonne wieder, es hatte einen Schauer gegeben. Nach der kleinen Aufre­gung wollte und musste ich eine Pause machen, die am Samstag gekauften Weintrauben lagen auch noch im Kofferraum. Ein weiterer Parkplatz war zwar nicht in Sicht, doch das Navi führte mich kurz nach Mulhouse aufgrund der beginnenden Maut-Autobahn auf eine Landstraße. Meine Pause war gerettet. Sogar Tische und Bän­ke hatte man für mich hingestellt, dahinter ein kleiner Wald. Inzwischen zeigte die Uhr 13.40.

Ankunft im F1-Hotel in Moulins

Die Fahrt war trotz der Landstraßen angenehm. Wie schon in anderen Berichten geschildert sind französische Landstraßen allgemein im guten Zustand und oft 2-spurig pro Fahrtrichtung. Vor allem die Parkmöglichkeiten sind besser als in Deutschland. Natürlich hat das mautfreie Fahren seine Konsequenzen. Nicht immer ist eine Stadtumfahrung da. In Besançon z.B. bin ich voll im Berufsverkehr durch das Zentrum geleitet worden, dem Navi sei Dank.

Lange Zeit fährt man auf der gut ausgebauten N70/E607, dann auf der N79/E62, teilweise ähnlich einer Autobahn. Natürlich wird überall gebaut und dann ist unvermeidlich auch Stauge­fahr, aber allgemein bin ich recht entspannt bis nach Moulins gekommen.

Im Hotel checkte ich 20 Uhr ein. Ich wusste, was mich in der aufs Nötigste beschränkten Unter­kunft erwartet. Mit 33,40 Euro war der Preis gegenüber 2015 leicht gestiegen, natürlich wie immer ohne Frühstück. Entschädigt wurde ich aber vom diesmal sehr freundlichen Empfang.

Die junge Französin sprach gutes Englisch (soweit ich dies beurteilen kann) und begleitete mich sogar bis zu meinem Zimmer. Das ist in F1-Hotels nicht üblich. Beim Holen des Gepäcks tat mir die Vertrautheit der Umgebung gut. Es ist schon bemerkenswert, dass man sich besser und vor allem auch sicherer fühlt, wenn einem das Umfeld bekannt ist. Dabei muss die Sicherheit objektiv garnicht vorhanden sein. Wie üblich stand das Auto im abgesperrten Terrain. Nachts ist das Tor geschlossen.

Adresse: HotelF1 Moulins Sud, ZI Michelet, Le Petit Godet, 03400 YZEURE France (46.53250, 3.34976)

Der Eingangsbereich, Frühstück im Freien ist möglich.

Es wird schon dunkel, hinten ist eine Bahnlinie.

Internet-Zugang und Fakten festhalten sind mir wichtig.

Im französischen F1-Hotelführer ist übrigens auch vermerkt, ob der Parkplatz des jeweiligen Hotels verschließbar ist. Leider war auch dieses Jahr kein Führer mit Navi-Daten zu bekommen.

Frankreich 27.09.2016: Moulins – Camping de la Dune
2017 © Peter E. Burkhardt

Di 27.09. – Moulins, Bordeaux, Camping de la Dune

Route 27.9.2016 (507 km)

Moulins (F1-Hotel Moulins Sud) > Montluçon > Guéret > Angoulême (A10) > A630 N-Umfahrg. Bordeaux > Bordeaux (F1-Hotel West) > A630 W-Umfahrg. Bordeaux > Ri Süden/Arcachon A63/A660 > Camping de la Dune

Den gestrigen Abend verbrachte ich, neben der nötigen Mahlzeit und Dusche, mit dem Checken meiner E-Mails und dem Aufschreiben der Reisefakten. Man kann sich ja nicht alles merken. Das ist ebenfalls einer der großen Vorzüge: F1-Hotels bieten schon sehr lange freien Zugang zum Internet.

Die Hotel-Anlage mit großzügigen Platzverhältnissen

Oben rechts war mein Zimmer, das Auto im Blick.

Start in Moulins

Eigentlich wollte ich früher aufbrechen. Wie so oft wurden gestern aus einer Computer-Stunde drei. Heute war ich erst 9.30 Uhr startklar, nach den letzten Fotos in der frühen Morgensonne. Vom Westen kam eine Wolkenwand. Ich konnte nur hoffen, dass der starke Wind den Regen verhindert.

Das Tor ist nachts verschlossen, ein Stück Sicherheit mehr.

Die Straße führt nach Moulins Zentrum, Richtung Norden.

Fast alle Gäste sind schon auf Tour. Kein Wunder: 9.30 Uhr

Geradeaus Moulins, rechts und links Gewerbepark

Bis zum nächsten F1-Hotel in Bordeaux-West sollten es nur 430 Kilometer sein. Demzufolge war keine Eile angesagt. Mit Verzögerungen hätte ich nur durch die Landstraßen und Ortsdurchfahrten rechnen müssen, da Mautstrecken nicht in Frage kommen. Die Sonne schien auch ab und zu wieder.

Aus welchen Gründen auch immer, meine Navi-Chefin befahl bei Ausfahrt vom F1-Hof: Biegen Sie rechts ab. Nun gut, dachte ich, dann eben rechts. Die Straße D707 führt zwar direkt in die Stadt Mou­lins, aber vielleicht ist das interessanter als der Weg zurück auf die N7, von der ich gekommen war.

Frankreich 27.09.2016: Moulins – Camping de la Dune
2017 © Peter E. Burkhardt
Die Stadt Moulins

Moulins ist Hauptstadt des Départements Allier. Die Altstadt, die im 15. Jahrhundert ihre Blütezeit hatte, liegt am rechten Ufer des Flusses Allier. Die linke Seite grenzte an Felder, Wiesen, Wald und Bauernhöfe. Erst später entwickelte sich dort ein Siedlungsgebiet mit dem heutigen Ortsteil La Madeleine. Beide Stadtteile sind mit der Pont Régemortes verbunden, weit und breit die einzige Brücke. Früher hauptsächlich nur Handels- und auch Pilgerweg ist heute die Brücke die Hauptverkehrsader zwischen dem östlichen und westlichen Allier-Ufer.

Meine Route führte ebenfalls über diese Brücke, von der man einen herrlichen Blick auf die Kirchtürme der Altstadt von Moulins hat. Bei richtigem Standort auf der Westseite der Allier sieht man nahe beieinander vier große Kirch­turmspitzen. Es scheint, sie gehören zu einer einzigen Kirche. Doch das täuscht. In Wirklichkeit ist die Kathedrale Notre-Dame 660 Meter von der Kirche Sacré-Coeur entfernt (mit dem Auto). Die zwei helleren Türme im neugotischen Stil gehören zur "Notre-Dame de Moulins" aus dem 15. Jahrhundert. Sie erhielt 1949 von Papst Pius XII. den Titel einer päpstlichen Basilica minor. Die im spätgotischen Flamboyant-Stil errichtete Notre-Dame war auf dem Abrissgrund der romanischen Vorgängerkirche gebaut worden, da die Resi­denzstadt Moulins immer größer wurde. Die Notre-Dame ist seit 1817 Bischofskirche des Bistums Moulins.

Gemeinde Souvigny

Im weiteren Verlauf meiner Route kam ich durch die Gemeinde Souvigny, die um die 1900 Einwohner zählt. Durch den etwa zwölf Kilo­meter südwestlich von Moulins liegenden Ort führt der von Deutschland kommende Jakobsweg nach Santiago de Compostela.

Bedeutungsvoll ist die Klosterkirche Église Prieurale Saint-Pierre & Saint-Paul de Souvigny, einst geistiges und kulturelles Zentrum der Region. Die Kirche befindet sich mitten im Ort, nur etwa 150 Meter von der Durchgangsstraße D945 entfernt (46.53506, 3.19299).

Eine Besichtigung lohnt sich bestimmt. Leider war mir die Existenz trotz Info-Tafel am Ortsein­gang unbekannt. Man sollte sich eben doch besser vorbereiten und bestimmte Sehens­würdigkeiten in die Reise-Planung einbeziehen.

Moulins_-_Perspective3, Urheber Alphanumeric, 2008, © nach CC BY-SA 4.0

Moulins mit Kathedrale Notre-Dame (Türme links) und Kirche Sacré-Coeur (Türme rechts). Original: Vue depuis la rive gauche: Pont Règemortes, clochers du Sacré-Coeur, de la Cathédrale, et beffroi du Jacquemart (Urheber Alpha­numeric, 2008, © nach CC BY-SA 4.0) 1

Straße D945 von Moulins über Coulandon nach Souvigny

Ortseingang Souvigny (von Moulins aus) mit Info-Tafel

Souvigny, kleiner Ort mit sehenswerter Klosterkirche

1 Moulins mit Kathedrale Notre-Dame und Kirche Sacré-Coeur, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Moulins_-_Perspective3.JPG, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de, Zuschnitt/Farbanpassung: Peter E. Burkhardt, Weitergabe des Fotos zu gleichen Bedingungen

Frankreich 27.09.2016: Moulins – Camping de la Dune
2017 © Peter E. Burkhardt
Fahrt über Land

Was gibt es Schöneres als bei Sonnenschein, milden Temperaturen, wenig befahrenen Landstra­ßen und mit dem Hochgefühl des Entdeckers quer durchs Land zu fahren? Abseits der Hauptverkehrswege erinnerte mich diese flache Landschaft mit den verstreut liegenden Bauern­höfen, den Viehweiden und den kleinen Äckern an die Umgebung in meiner Kindheit.

Die Landstraße D11 Richtung Montluçon ist wirklich empfehlenswert. Ab und zu sieht man auch ein Schild mit Übernachtungsangebot (Chambre), eine Urlaubsfahrt in dieser Region wäre also kein Problem, und zwar ohne Hotels.

Gegen 11 Uhr war ich wieder auf einer Autobahn und recht müde. Am liebsten hätte ich irgendwo halten und ein Nickerchen machen wollen. Die letzte Nacht im F1-Hotel war wohl doch zu kurz (oder der Computer-Abend zu lang). Das Navi sagte, noch 353 Kilometer bis zum Ziel.

Eine seltsame Beobachtung

Nun endlich, an der N145 ist eine Parkmöglich­keit. Es war inzwischen 12 Uhr geworden, Zeit zum Mittagessen. Der Parkplatz ist großzügig angelegt mit Bänken, Tischen, neben dem Toilet­tenhaus zusätzlich ein Info-Häusl, in dem man sich Videos über die Region anschauen kann. Separat von der PKW-Parkmöglichkeit existiert ein großer LKW-Parkplatz mit Wasserversorgung.

Alles sah relativ neu aus, bei der späteren Aus­fahrt entdeckte ich die alte unbenutzte Toiletten­anlage, die in den nächsten 30 Minuten meines Aufenthaltes noch eine besondere Rolle spielen sollte. Zunächst machte ich Brotzeit, mit frisch gebrühtem Instant-Kaffee, belegten Brötchen und dem Rest Weintrauben. Den Gaskocher wollte ich nicht erst anwerfen. Schon bei meiner Ankunft strich ein Mann mittleren Jahrgangs um das Toilettenhaus herum, mit einem Handtuch über der Schulter nach irgend jemand Ausschau haltend. Ein weiterer PKW war aber nicht zu sehen, der diesem Mann gehören könnte. Zwi­schendurch kam ein älteres Ehepaar, die aber bald wieder verschwanden. Abgesehen von den LKWs weiter oben war ich allein auf dem Platz.

Es ist pure Erholung, auf diesen Landstraßen zu fahren.

Kein Verkehr, ab und zu ein Bauernhof, die D11 mag ich.

Ein alter Sandbruch, der einzige Hügel in dieser Gegend.

Parkplatz an der N145, neu und recht ruhig.

Der Mann mit dem Handtuch wartete immer noch, telefonierte und hielt dann weiter Ausschau. Sein Blick glitt oft zu mir herüber. Mir wurde es langsam unangenehm. Was wollte der Kerl? Man denkt ja in solchen Situa­tionen an alles Mögliche. Weiter oben am LKW-Parkplatz ließ ein Fahrer Wasser in seine Kanister laufen. Ich ging hin. Einerseits wollte ich auch meinen Wasservor­rat ergänzen, andererseits war ich froh, mit jemand reden zu können.

Frankreich 27.09.2016: Moulins – Camping de la Dune
2017 © Peter E. Burkhardt

 

Der LKW-Fahrer war ein Spanier und meinte auf meine Frage nach der Wasserqualität, er wäre schon oft hier gewesen und das Wasser sei OK, ansonsten läge er schon längst eine Etage tiefer. Sein Deutsch war mit Spanisch und Englisch gemischt, aber gut verständlich. Meine Flaschen waren nun auch gefüllt, da kam ein französischer Lieferwagen, dem ein Mann entsprang, der zielstrebig zu dem Mann mit dem Handtuch lief. Nach kurzer gestikulierender Diskussion liefen beide Richtung Parkplatzausfahrt zu der alten Toilettenanlage. Ich glaubte, das Geräusch eines eisernen Riegels und das Türknarren zu hören. Beide verschwanden für etwa 15 Minuten, kamen dann wieder heraus und jeder ging seiner Wege. Der Lieferwagen-Fahrer brauste vom Parkplatz, der Mann mit dem Handtuch verschwand nun im neuen Toilettenhaus. Seltsam. Ich packte meine wenigen Sachen und wollte gerade losfahren. Da sah ich den Handtuch-Mann wieder vor dem Toilettenhaus stehen, telefonieren und warten.

Wieder auf der N145 kreisten meine Gedanken um das eben Erlebte. Offensichtlich diente der Parkplatz als Treffpunkt, für was auch immer. Mir konnte es egal sein, meine Reise ging weiter. Noch 100 Kilometer Autostraße (N145) lagen vor mir rund 340 Kilometer bis zum Ziel. Ein bisschen Wehmut beschlich mich angesichts der letzten halben Stunde, zu zweit sind solche Situa­tionen besser zu verkraften.

Tanken ohne Quittung

Es war gegen 14 Uhr auf der Landstraße D951, die oft durch Wald führt. Die Sonne schien, und da kam auch endlich eine Tankstelle. Mir erschien der Literpreis recht hoch, der Tankwart kam angerannt und fragte vor dem Tanken: "Cash?". Ich bejahte, zeigte ihm 30 Euro und ließ den Sprit einfüllen. Die Euros nahm der Mann, nach einer Quittung konnte ich garnicht erst fragen, da war er schon wieder weg. Dem Bulli-Fahrer an der anderen Säule ging es genauso. Es war ein Schweizer mit Familie. Unsere Blicke kreuzten sich. Er zuckte nur mit den Schultern. Der Tankwart saß inzwischen schon wieder in seinem Häuschen.

Das Info-Häusl mit Video, hinten oben der LKW-Parkplatz

Einsamkeit mit seltsamer Begegnung (siehe Text)

Die Anlage ist groß und leer, im Sommer sicher nicht.

So ein Umfeld sollten alle Parkplätze bieten.

Nur noch 151 Kilometer bis zum Ziel. Das Meer war schon in Sicht, ich sah es von der A10 aus. Den Bulli hatte ich längst zurückgelassen, er konnte wohl nicht so schnell fahren. Da es erst 14.50 Uhr war, fuhr ich langsamer. Zu zeitig am Hotel zu sein, hätte auch keinen Zweck gehabt. Die jetzt vertrödelte Zeit hätte ich später noch gebrauchen können. Das wusste ich aber noch nicht. Langes Hupen neben mir erschreckte mich fast, es war der Schweizer. Mit kurzem Winken zog er an mir vorbei. Keine Kunst, ich selbst fuhr ja nur 90.

Frankreich 27.09.2016: Moulins – Camping de la Dune
2017 © Peter E. Burkhardt
Das F1-Hotel in Bordeaux hat keinen Platz

Auf der Nordumfahrung von Bordeaux war dicker Verkehr. Das Navi brachte mich zielsicher bis knapp vor das F1-Hotel Bordeaux West, nur konnte ich es weder sehen noch den Eingang finden. Ich stand in einem Gewerbegebiet mit dichter Bebauung. Von den anderen F1-Hotels war ich einen großen Parkplatz gewöhnt und auch die Hotels selbst waren nicht zu übersehen. Ich gab nochmals die Zieldaten ins Navi ein, das Ergebnis war gleich: kein Eingang zu sehen. Zu Fuß machte ich mich auf die Suche, vielleicht konnte ich jemand fragen. Endlich, um die nächste Ecke, verdeckt mit Buschwerk und hohen Bäumen, war ein gerade mal PKW-breiter Eingang, der zu einem recht kleinen F1-Hotel führte, fast wie der Zugang zu einem Hinterhof.

Der junge Mann am Tresen bedauerte, kein Platz mehr frei. Zuerst glaubte ich, sein Englisch nicht zu verstehen. Doch langsam wurde mir klar, es war wirklich nichts mehr frei. Das hätte ich nicht erwartet. Ziemlich enttäuscht fiel mir das andere F1-Hotel im Osten von Bordeaux ein, in dem ich 2015 auf der Fahrt nach Portugal geschlafen hatte. Er rief an, und siehe da es klappte. Ob er eine Reservierung für mich auslösen solle? Natürlich, so hatte ich wenigstens ein Bett sicher. Einziger Nachteil war, ich hätte wieder quer durch ganz Bordeaux fahren müssen oder alternativ den recht großen Umweg über die Nordumfahrung.

Fahrt zur Düne

Nicht so recht wissend, was ich tun sollte, fuhr ich trotzdem erst einmal auf den Bordeaux-Ring zurück. Der Verkehr wurde so stark, dass ich bequem am Navi hantieren konnte. In Gedanken und im Stau stehend hatte ich längst entschieden, nicht in die Stadt reinzufahren. Schon in 2015 hatte ich Probleme, im dichten Berufs­verkehr das Hotel im Osten zu erreichen. Den Stress wollte ich mir nicht noch einmal antun.

Ich sollte mich südlich halten, um dann über den Autobahnzubringer A660 Richtung Arcachon fahren zu können. Arcachon ist der nächste größere Ort nahe der Düne. Ich gab also die neuen Daten ein und ließ mich zwar stockend, aber zielsicher Richtung Atlantik navigieren.

Um 17.48 sah ich auf der A660 das erste Schild "Dune du Pyla", 12 Kilometer. Der Verkehr war zwischenzeitlich wieder normal. Vielleicht könnte ich irgendwo im Wald oder auf einem Parkplatz im Auto schlafen, oder sogar auf einem Zeltplatz. Zu dem Zeitpunkt war noch alles offen.

Camping La Forêt ist geschlossen

Über den großen Kreisverkehr am Ende der Autobahn fuhr ich Richtung Süden, wohl wissend, dass rechts hinter dem Wald die Düne lag. Im Wald musste ein Zeltplatz sein. Auch das wusste ich. Nur wenige Kilometer weiter stand ich im Eingangsbereich eines großen Zeltplatzes.

Eingang zum Zeltplatz La Forêt (Am Wald) an der D218

Bei meiner Ankunft 18.50 hatte der Zeltplatz geschlossen.

Die Schranke war geschlossen, das Empfangs­häusl war geschlossen, niemand vom Zeltplatz-Personal war zu sehen. Obwohl entsprechend der ausgewiesenen Öffnungszeiten an einer Info-Tafel die Anmeldung noch möglich hätte sein müssen, sah es düster aus. Es war 10 Minuten vor 19 Uhr. Was nun?

Am Straßenrand im Auto zu schlafen getraute ich mich nicht. Überall stehen Parkverbotsschilder, wohl genau um das zu verhindern. Noch während ich überlegte, kamen zwei weitere Autos, ein PKW und ein Wohnmobil. Auch sie hatten bestimmt damit gerechnet, noch einchecken zu können. Ich ging hin, vielleicht wussten sie weiter. Mit dem PKW waren zwei Japaner gekommen, das WoMo hatte ein spanisches Kennzei­chen. Wie ich mühsam erfuhr, hätte der Zeltplatz tatsächlich noch bis 19 Uhr geöffnet sein müssen, hatte aber vorzeitig schon ganz dicht gemacht und war in Winterruhe gegangen. Letzteres hatte der Spanier übers Handy erfahren. Nun war wirklich guter Rat teuer.

Frankreich 27.09.2016: Moulins – Camping de la Dune
2017 © Peter E. Burkhardt
Camping de la Dune

Ich fuhr weiter südwärts, vielleicht war doch noch irgendwo ein Waldweg, auf dem ich von der Straße aus nicht sichtbar hätte übernachten können. Etwa einen Kilometer weiter stand ich vor einem weiteren Zeltplatz, dem "Camping de la Dune" mit Namen "Les Flots Bleus" (Die blauen Wellen). Im Empfangshäusl sah ich Licht brennen. Ohne Zeit zu verschwenden, ging ich rein. Yes, man habe viel Platz und "Welcome your Fa­mily". So so, sie nahm also an, dass ich mit Fami­lie da sei. Die junge Französin war sehr nett.

Es war für mich zwar etwas schwierig, die nötigen Infos zu bekommen, aber schließlich hat doch alles reibungslos geklappt. Sie bot mir einen festen Bungalow an für 35 Euro pro Nacht. Ein Platz fürs Auto und ein Zelt sollte 17 Euro kosten. Natürlich entschied ich mich fürs Letzte­re. Nachdem ich mir den Platz an Ort und Stelle ausgesucht hatte, bekam ich den Öffnungscode für die Schranke und schon war ich Zeltplatz-Kunde. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Es war inzwischen nach 20 Uhr geworden.

Camping de la Dune "Les Flots Bleus" (44.58113, -1.21231)

Dieser Platz ist der mittlere von drei Campingplätzen.

Unmittelbar hinter dem Zeltplatz beginnt die Düne.

Es gibt feste Bungalows und "Mobil-Homes".

Der ACCUEIL (Empfang bzw. Rezeption)

Mein Platz (E25) hat Tisch und Bänke, optimal für mich.

Mein Platz war optimal wegen dem Tisch unmittelbar neben dem Auto. So konnte ich direkt aus dem Auto leben. Mein eigenes Zelt aufzubauen war garnicht nötig. Einen Elektroanschluss hätte ich auch nutzen können, allerdings mit Aufpreis. Der Wasserhahn war kostenlos. Ringsherum war kein einziger Platz belegt. Am nächsten Tag änderte sich das. Die sanitären Anlagen waren in Ordnung, normaler Durchschnitt. Allerdings dauerte es lange, bis das heiße Wasser floss, wahrscheinlich wegen der geringen Benutzerzahl. Nach der heißen Dusche, der Linsensuppe aus der Büchse und dem Cappuccino war ich angekommen. Nun konnte mein Dünenabenteuer beginnen.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt

Mi 28.09. – Camping de la Dune, 1. Tag

Heute wollte ich aufsteigen und endlich den eigenen Blick von oben erleben. Auf Bildern und im Web hatte ich zwar schon gesehen, was mich erwarten würde, aber mit allen Sinnen selbst die Welt zu erleben, kann keine noch so gute Beschreibung vermitteln.

Der erste Zeltplatz-Morgen

Die Nacht war angenehm, trotz meiner Rückenbeschwerden vom miserablen Dacia-Sitz, der sich überhaupt nicht für stundenlange Autofahrt eignet. Er ist im Rückenprofil zu sehr ausgearbeitet und dazu noch viel zu hart. Die resultierende unangenehme Druckbelastung führt zu Rückenschmerzen. Selbst die behelfsweise aufgelegte Decke im mittleren Lehnenbereich half nur begrenzt. Eine Lösung für das Problem habe ich bis heute noch nicht gefunden.

Das hat aber alles nichts mit den Zeltplatzbe­dingungen zu tun. Es war absolut ruhig in der Nacht, manchmal glaubte ich das Brausen des nahen Meeres zu hören, vielleicht war es aber auch nur der Wind, der recht kräftig über die Düne fegte, sich aber auf dem Zeltplatz nur ganz abgeschwächt bemerkbar machte. Die Tempera­tur war nachts ziemlich niedrig, der Jogging­anzug mit Decke reichte gegen die aufkriechende Kälte nicht. Erst im Schlafsack war alles gut.

Frühstück mit Gesellschaft

Erst kurz nach 9 Uhr kroch ich aus meinem Autobett. Die heiße Dusche brachte meinen Kreislauf wieder in Schwung. Bei Tisch hatte ich Gesellschaft. Eine Schar Spatzen kam immer näher, einzelne besonders Mutige flogen auf die gegenüberliegende Bank und schließlich auf den Tisch. Sie pickten meine Brotkrümel auf, einer nahm sich vom aufgeschnittenen Brot ein größeres Stück und flog zu seinen Brüdern und Schwestern. Er hatte Mühe, die schwere Last zu tragen. Ich musste regungslos sitzen, um das Schauspiel nicht zu unterbrechen. Offensichtlich sind die Spatzen auf dem Zeltplatz die Menschen gewöhnt und wissen, dass sie nichts zu befürchten haben. Mit Tischdecke und den servierten Brotkrumen kam die Party dann richtig in Schwung.

Die Show wurde aber abrupt durch zwei größere schwarze Vögel unterbrochen. Sie sahen aus wie Amseln, waren aber etwas größer, so etwa zwischen Amsel und Krähe. Diese sich wichtig tuenden Vögel kamen zwar nicht bis auf den Tisch, beobachteten mich aber im gebührenden Ab­stand. Sie warteten wohl darauf, bis ich weg sein würde. Die Spatzen waren nicht mehr zu sehen.

Das Frühstück vor der Dünenwanderung

Mit dem Tisch neben dem Auto geht es auch ohne Zelt.

Die Spatzen bekamen von mir extra eine Tischdecke.

Jeder holt sich soviel und so schnell er kann.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Erste Zeltplatz-Eindrücke

Heute Morgen sah ich mich ein wenig auf dem Zeltplatz um. Insgesamt machte er einen gepflegten Eindruck. Leider waren nur noch wenige Leute da. Vielleicht waren deshalb der kleine Shop und das Restaurant geschlossen. Später erfuhr ich, dass Anfang Oktober die Wintersaison beginnt und der Campingplatz geschlossen wird. Ich hatte also Glück gehabt.

Mein Nachbar kam heute früh sehr zeitig, ich schlief noch.

Sanitäranlage ohne Beanstandungen

Die Eis- und Cola-Bar, ebenfalls geschlossen

Heute geschlossen, also kein Baguette zum Frühstück

Hier hätte ich es auch länger ausgehalten.

So sieht ein Autobett am frühen Morgen aus.

Die Düne schützt den Campingplatz vor Westwind.

Ende September waren alle Bungalows leer.

Ein Fahrrad kann man sich auch ausleihen. Damit wäre es leicht möglich, die 3 Kilometer bis zum Strand am Nordende der Düne zu fahren, ohne das Auto benutzen zu müssen. Es gibt sowieso überall Probleme mit dem Parken, so dass sich ein Radl lohnt.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Der neue Nachbar

Mein Nachbar auf dem nächsten Stellplatz war schon da, als ich aus dem Auto kroch. Es war ein Franzose mit Wohnmobil sozusagen auf Durchreise. Wie ich später erfuhr, wohnt er zwar auch in Meeresnähe, aber etwa 400 Kilometer weiter nördlich. Wegen der kommenden schlechteren Witterung in Frankreich wollten er und seine Frau nach Spanien und dann vielleicht noch nach Portugal. Sie blieben nur eine Nacht. Außer diesem Nachbar war der Campingplatz so gut wie leergefegt.

Mein neuer Nachbar, ein Franzose auf Durchreise

Mein Weg Richtung Düne und leere Bungalows.

Diese Anlage war schon geschlossen.

Mächtig, dieser Sandhaufen mit Leiter

Feste und mobile Hütten für 3, 4, 5 oder 6 Personen

Nicht mehr lange, und die Düne frisst das Haus.

Einige der Plätze sind mit Hecken abgeschirmt.

Weg auf die Düne

10.30 Uhr. Nun war es wirklich Zeit, den Aufstieg zu beginnen. Direkt hinter dem Zeltplatz beginnt die Düne. Das ist aber auch nicht ganz richtig, die Düne ist zum Teil schon auf dem Zeltplatz präsent. Jedes Jahr rückt der Sand durch die starken Westwinde in Ostrichtung vor und begräbt alles, was auf dem Wege liegt. Man sieht, dass einige Stellplätze schon Opfer der Sandmassen geworden sind. Auch deshalb wird die Eisentreppe, die vom Zeltplatz bis zum oberen Drittel der Düne liegt, jedes Jahr abgebaut und zu Saisonbeginn neu montiert. Sie würde sonst im Flugsand verschwinden.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt

 

Die Treppe ist eine sehr gute Aufstiegshilfe. Ohne sie wäre es beschwerlich, die etwa 30 Grad steile Dünenwand zu überwinden. An manchen Stellen sollen es sogar bis zu 40 Grad sein. Zusätzlich macht es der sehr lockere Sand mit relativ kleiner Korngröße nahezu unmöglich, die Düne raufzuklettern. Man versinkt im Sand und rutscht oft wieder abwärts. Festes Schuhwerk ist sowieso Pflicht. Eine Alternative wäre es, barfuß den Sandberg zu bezwingen.

Insgesamt sind zwischen Düne und der Waldstraße D218 drei Campingplatze, zwei weitere nach dem südlichen Ende der Düne. Ich habe aber nur an meinem Platz eine Treppe gesehen. Eine weitere Plastiktreppe befindet sich noch am nördlichen Dünenende, die zum zentralen großen Parkplatz führt. Das wusste ich aber nicht, ich war ja erst am Beginn meiner Erkundungen.

Auf der Treppe wird der Gleichgewichtssinn auf eine harte Probe gestellt. Man sollte diesbezüglich auf keinen Fall Defizite haben. Die Steilheit und die fehlenden Anhaltspunkte für das Auge fordern hohe Aufmerksamkeit, um ohne Schwie­rigkeiten den Weg nach oben zu meistern. Am besten ist es, man konzentriert sich auf die vor einem liegenden Stufen. Für Unterbrechungen zum Ausruhen oder für Fotos sollte man stehenbleiben. Ich habe später Leute auf allen Vieren die Treppe hochkrabbeln sehen. Die Treppe aus Kunststoff am nördlichen Dünenende ist günstiger, mit breiten waagerechten Stufen und sogar mit Geländer. Dort schaffen es auch Ältere bis zum Dünenkamm. Auch diese Treppe wird für jede Saison neu aufgebaut.

Leider habe ich vergessen, die Stufen zu zählen.

Beim Aufstieg ist der Gleichgewichtssinn gefordert.

Mit jedem Meter Höhe wird die Düne größer. Im Bild zu sehen sind etwa zwei Drittel, in Richtung Süden der Rest.

Ende der Eisentreppe bedeutet noch nicht Dünenkamm.

Gespannt hastete ich nach oben, um das Meer zu sehen.

Das letzte Drittel bis zum Kamm der Düne musste ich ohne Treppe auskommen. Sie endet, sobald die Steilheit des Hangs geringer wird. Auch ist der Sand hier oben etwas fester. Am Dünenkamm-Horizont sieht man den fast immer vorhandenen Treibsandnebel nordwestwärts ziehen. Was würde mich hinter dem Kamm erwarten? Ein tosender Ozean oder ein ruhiges und sanftes Meer? Gespannt nahm ich die letzen Höhenmeter mit keuchendem Atem fast im Laufschritt.

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2017 © Peter E. Burkhardt
Auf dem Kamm der Düne

Das Bild war völlig unerwartet, unerwartet schön. Mit sanftem Gefälle breitet sich die Düne in kurvigen Rundungen fast wie in der Wüste bis zum flachen Meeresufer aus. Mein erhöhter Standort ließ die Welt klein erscheinen.

Die Dune du Pilat ist riesengroß und traumhaft schön, links der Atlantik und rechts der Kiefernwald des Naturparks.

Ein Stück weiter draußen liegen Sandbänke, die das offene Meer von der großen Düne abgrenzen. Zwischen dem Dünenufer und den Sandbänken wird Austernzucht betrieben. Oft sind Boote der Fischer, aber auch Sport- und Segelboote auf dem türkisfarben schimmerndem Wasserspiegel unterwegs. Auch eine Hütte ist zu sehen und ein kleines Zelt. Teilweise sind die Sandbänke zweireihig. Erst weiter draußen sind die Schaumkronen der Brandung erkennbar.

Die Sandbank (Banc d'Arguin) liefert Sand für die Düne.

Man sollte und muss sich unbedingt die Zeit nehmen und wenigstens einige Minuten die Aussicht genießen. Der atlantische Ozean ist hier beides: sanft und zahm wie ein erschrecktes Rehkitz im Getreidefeld, weiter draußen vom Wind aufgewühlt mit rollenden Wellenbergen und Schaum­kronen. Die Sandbank insgesamt nennt sich Banc d'Arguin und misst bei Ebbe über 8 Qua­dratkilometer. Diese Sandmassen sind Quelle der aufgetürmten Dune du Pilat.

Austernzucht im seichten Wasser, hinten das Cap Ferrét

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2017 © Peter E. Burkhardt
Der Zeltplatz von oben

Mit Blick Richtung Norden wird einem erst einmal richtig bewusst, wie groß die Düne ist. Und auch der Blick zurück auf Treppe und Zeltplatz zeigt, dass der Aufstieg nicht umsonst soviel Anstrengung gekostet hat. Dabei ist der Höhenunterschied auf der Zeltplatzseite wesentlich kleiner als auf der Seite zum Meer.

In Längsrichtung erscheint die Düne endlos.

Linke Seite des Campingplatzes Les Flots Bleus

Ende der Eisentreppe, die jährlich neu montiert wird

Rechte Seite des Campingplatzes Les Flots Bleus

Dune du Pilat oder Dune du Pyla?

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass sowohl im Internet als auch in Reiseführern, Prospekten und sogar auf örtlichen Verkehrsschildern die Düne mit dem Namen "Dune du Pyla" (richtig Dune du Pilat) bezeichnet wird. Dieser Name ist schlichtweg falsch. Der Name nimmt Bezug auf den Badeoert Pyla sur Mer, der sich im Norden an die Düne anschließt und erst um 1920 gegründet wurde. Der richtige Name Dune du Pilat wird schon im 18. jahrhundert erwähnt. Pilat leitet sich vom historischen "pilàt" ab und bedeutet "Haufen", ein Sandhaufen eben. Neuerdings wird dem falschen Namen schrittweise entgegengewirkt. Die Tourismusämter verwenden einheitlich den richtigen Namen, die Schilder und gedruckten Unwahrheiten werden nach und nach ausgetauscht. Eine zusätzliche, eher beschreibende Bezeichnung ist La Grande Dune du Pilat (Die Große Düne aus Sand), die natürlich ihre Berechtigung hat, denn groß ist die Düne wirklich mit fast 3 Kilometer Länge.

Es gibt mehr Miethäuser als WoMo-Stellplätze.

Der Campingplatz belegt auch Teile des Kieferwaldes.

 

 

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2017 © Peter E. Burkhardt

Geschichte der Düne

So ein riesiger Sandhaufen ist garnicht so selten auf unserem Planeten. Man denke nur an die Sahara-Sandmassen oder auch an die großen Dünenlandschaften in der Namib-Wüste, die Rub al-Chali, in der die höchste Sanddüne der Erde ist, die Tel Moreeb mit etwa 300 Metern Höhe.

Aber auch in Europa gibt es wüstenähnliche Gebiete, zum Beispiel in Spanien nördlich von Almeria.

Wanderdüne bei Leba, Polen

Eine der Dune du Pilat ähnliche Wanderdüne liegt an der Ostsee im Slowinski Nationalpark bei Leba. Diese "polnische Sahara" ist zwar nicht ganz so hoch (nur maximal 55 m), verschlingt aber ebenfalls jährlich einige Meter des dahinter liegenden Landes. Entsprechend Berechnungen ist der heutige neue Ort Leba in 400 Jahren wieder verschüttet. Schon das alte Leba, das mit seinen Fischerhäusern nordwestlich vom heutigen Leba lag, wurde Opfer der Sandmassen. Mitten im Wald sind noch Überreste der mittelalterlichen Nikolaikirche zu sehen.

Auch die Dune du Pilat wird eines Tages die Zeltplätze vollends verschlingen und auch nicht vor der Straße halt machen. Aber das ist noch lange hin und nicht mehr in meinem Leben. Vielleicht ist man eines Tages in der Lage, durch geographische Veränderungen vor der Küste (seewärts) oder hinter der Küste (landwärts) den stetig vorrückenden Sand aufzuhalten.

Entstehung der Dune du Pilat

Dünen entstehen simpel gesagt durch Anhäufung von Sand, aufgrund verschiedenster Ursachen, schrittweise und meist über Tausende von Jahren hinweg. Die Dune du Pilat wurde in jüngster Zeit (im Jahr 2000) geologisch näher untersucht. Sie entwickelte sich über rund 4000 Jahre hinweg, ist aber keineswegs ein gleichmäßig gewachsener Sandberg, sondern besteht wegen der wechselvollen klimatischen Bedingungen aus mehreren Schichten.

Das Bett der Düne

Begonnen hat der Aufbau des Untergrundes mit der Ablage von Schotter, Sand und Kies bereits vor 18.000 Jahren, als der Meeresspiegel rund 120 Meter unter dem heutigen lag. Durch die Eis­schmelze nach der letzten kalten Klimaperiode stieg das Wasser an und überdeckte alles mit Sand, Kies und Ablagerungen der damaligen im Meer lebenden Tier- und Pflanzenwelt.

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2017 © Peter E. Burkhardt
Wald und Süßwasser aus Urzeiten

Rund 4 bis 5 tausend Jahre ist es her, da bestand das heutige Dünengebiet aus sumpfigem Wald und Buschwerk. Dies belegen Funde zahlreicher Baumstamm- und andere Vegetationsreste in einer untersten schwarzen Schicht. Es konnten Pinien, Haselsträucher, Erlenbirken und Weiden nachgewiesen werden. Dieser Schicht ist auch das Süßwasser zuzuordnen, das in etwa einem Meter Höhe bei Ebbe vom Land ins Meer fließt. Es handelt sich also um uraltes Grundwasser. Am Strand wachsen heute in diesem Bereich Pflanzen, die ohne diese Süßwasserquelle nicht existieren würden.

Menschliche Besiedlung vor 3.000 Jahren

Einige weitere Sandschichten etwa 3 bis 4 Meter über dem heutigen Meeresspiegel enthalten Pflanzenreste aus der Zeit 1.300 bis 1.200 Jahre vor Christus. Die menschliche Besiedlung dieses Bodens erfolgte etwa 1.000 bis 600 Jahre vor Christus. Es wurden Tongeschirr, Werkzeuge und Münzen gefunden.

Die Düne wächst

Im Mittelalter vor 1.500 bis vor 500 Jahren gab es in einer Kälteperiode häufig heftige Stürme, die zu weiteren Sandanhäufungen, den neuen Dünen, führten. Der Sand schichtete sich übereinander und verschlang Felder und Dörfer. Auch schob sich im Laufe der Zeit das nordwestlich gelegene Cap Ferrét, das das Becken von Arcachon begrenzt, um mehr als 4.000 Meter in südliche Richtung vor. Die Halbinsel Lège-Cap-Ferrét mit dem Cap bildet die westliche Begrenzung des Beckens von Arcachon.

Die Hafeneinfahrt zum Becken war mit Sandin­seln blockiert. Diese geologischen Veränder­ungen formierten zusammen mit den starken Winden und der fortschreitenden Küstenerosion die heutige Düne. Maßgebend sind natürlich die Gezeitenunterschiede, durch die immer wieder riesige Mengen Wasser und damit Sand bewegt werden. Eine Meeresströmung, die parallel zur Küste vom Norden nach Süden verläuft, führt ebenfalls viel Sand mit sich. Aushöhlungen und Anlagerungen im Küstenverlauf sind die Folge.

Die Sandbank vor der Dune du Pilat liefert den Sand, der vor allem bei starkem Westwind und Ebbe auf die Düne getrieben wird. Die Düne wuchs zeitweise auf bis zu 118 Meter an, andere Quellen sprechen von 127 Metern.

Maßnahmen gegen den Sand

Schon früh wurden vom Menschen Anstreng­ungen unternommen, dem Vormarsch des Sandes etwas entgegenzusetzen. Es wurden See­kie­fernwälder angelegt. Damit stabilisierte sich die Dune du Pilat zu Beginn des 19. Jh. auf dem Niveau der noch heute vorhandenen Kiefern­wälder. Um 1860 begann sich die Düne heutigen Ausmaßes zu bilden, deren Vormarsch langsam aber stetig Richtung Osten erfolgt. Dabei ist der Norden weniger betroffen als der Süden.

In der Gemeinde La Teste-de-Buch am nördlichen Ende stabilisierte man 1994 einen Teil der Düne mit Planierraupen durch Veränderung des Dünenprofils und schaffte damit geänderte An­griffs­flächen für Wind und Erosion. Man stellte auch Palisaden auf, pflanzte Sträucher, Pinien und verschiedene Ginsterarten und festigte so den nördlichen Teil der Düne.

Versuche, im südlichen Teil den Vormarsch der Sandmassen zu stoppen, schlugen fehl. Die hier ebenfalls im Jahre 1994 aufgestellten Zäune hielten Wind und Sand nicht stand. Der dahinter liegende Wald wird zunehmend mit Sand verschüttet, viele abgestorbene Bäume zeugen davon. Die Düne ist in diesem Bereich sehr aktiv.

Es hat sich am jetzigen Dünenende eine Schneise gebildet, durch die der Westwind pfeift und immer mehr Sand im dahinter gelegenen Wald ablagert. Auch hier sind die Campingplätze gefährdet, vielleicht später auch die Straße.

Reste des Westwalls

Sogar schwere Betonbunker aus dem Zweiten Weltkrieg sind ins Wasser gerutscht. Sie lagen früher weiter oben auf der Düne. Zwei der Bunker liegen halb im Wasser, einer ist noch außerhalb. Weitere 10 bis 15 Objekte des Westwalls sollen sich unterhalb der Wasseroberfläche befinden. Auch am nördlichen Dünenende sind Betonteile zu sehen, die auf dem Strand liegen.

Abgerutschte Westwall-Bunker am nördlichen Dünenende

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2017 © Peter E. Burkhardt

Wanderung zum südlichen Dünenende

Vorgenommen hatte ich mir, die Düne insgesamt zu erwandern. Welche Ausmaße dieser Sandhaufen hat und wie beschwerlich das Laufen auf dem weichen Untergrund sein kann, wurde mir erst nach und nach bewusst. Zuerst wandte ich mich dem südlichen Dünenende zu. Immer wieder blieb ich stehen, fotografierte, machte Videos und freute mich über die schöne Aussicht. Der Himmel war zumindest in Richtung Meer wolkenlos. Wie so oft bildete die Küste eine Grenze zwischen bewölktem Himmel im Osten und blauem Horizont im Westen. Der Wind war nicht nur auf dem Dünenkamm recht stark, sondern auch draußen auf dem Meer zeugten die weißen Wellenkronen von der steifen Prise. Schützen in solchen Situationen sollte man seine Kameraausrüstung. Schnell ist die Objektivverstellung wegen Sandstaub schwergängig oder gar unbrauchbar.

Draußen die bei Ebbe über 8 qkm große Sandbank

Das südliche Ende der Düne bildet eine Windschneise.

Der sich ausbreitende Sand läßt den Wald sterben.

Die Sandbank Banc d'Arguin besteht aus mehreren Teilen.

Der Wind treibt Sand durchs Tal bis in den Kiefernwald.

Eine Baumspitze, der Rest ist zugeweht und vergraben.

Von weitem sah ich knorrige Baumreste aus dem Sand ragen. Im langsam abfallenden Gelände kam ich näher. Viele abgestorbene Bäume waren schon teilweise oder fast ganz vom Sand zugeweht. Im oberen Teil des Waldes am südlichen Dünenende sind die Kiefern noch saftig grün, aber wie lange noch? Die Düne endet gewissermaßen in einem Tal, man kann auch sagen Schneise, wobei auf der anderen Seite im Wald ebenfalls schon angewehter Sand zu sehen ist. Verschiedene Wegbefestigungen, Zäune, Hecken und flache Plätze deuteten auf einen Campingplatz hin. Später erfuhr ich, es handelt sich um den ersten der beiden Plätze südlich der Düne. Es gibt also in unmittelbarer Dünennähe insgesamt 5 Campingplätze.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Das südliche Dünenende

Offensichtlich ist die Sandbank für jedermann zugänglich.

Eine Bootsfahrt wäre nicht schlecht.

Blick vom Dünenende bis zum Bassin d'Arcachon

Über dem Meer hängen dicke Wolken, Blick nördlich

Die Sandbank verändert ständig ihre Größe und Form.

Durch diese Schneise pfeift der Sandsturm bis zum Wald.

Zeltplatz am südlichen Dünenende (Camping Panorama)

Auch hier gibt es viele feste Mietbungalows.

Irgendwelche Tiere habe ich nicht entdecken können. Ich bin mir aber sicher, dass an den Dünenrändern im Sand etliche Tierarten leben. Man muss sich nur Zeit nehmen und lange genug hinschauen. Und wenn man keine sieht, würde ein Bekannter von mir sagen: "Weil Du nicht richtig hinguckst!". Es sind oft die verborgenen Dinge die interessantesten. Vor allem im abgestorbenen Holz finden sich viele Käfer und Würmer. Nicht umsonst klopft der Specht an. Allerdings habe ich ihn hier trotz des vielen Totholzes nicht gesehen.

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2017 © Peter E. Burkhardt

Rückweg vom Süden bis zur Zeltplatz-Leiter

Bis hinunter zum Meer wollte ich heute nicht gehen. Es war inzwischen 12 Uhr geworden. Der Rückweg bis hinauf zum Kamm in Höhe meines Campingplatzes war lang, und der weitere Weg auf dem Kamm bis zum nördlichen Dünenende würde noch länger sein.

Blick Richtung Norden, auf dem Kamm zum ersten Hügel

Das Waldgebiet ist als geschützter Naturpark deklariert.

Die Bungalows stehen teilweise ziemlich dicht.

Rechts mein Campingplatz Les Flots Bleus

Die Leiter ist nur in der Saison vorhanden.

Ich musste suchen, um das Auto fotografieren zu können.

Wie in der Wüste, dachte ich. Schwitzend und keuchend stapfte ich bergan. Links der Wind und in der Ferne das Meer, rechts die steil abfallende Dünenschräge, auf der ich nicht ins Rutschen kommen wollte. Anzumerken ist, dass mir genau dies später passieren sollte. Ein Auf- oder Abstieg wäre hier sowieso nicht möglich, ich war auf meinem Zeltplatz mit der Leiter also genau richtig. Bald müsste ich meinen Platz sehen, vielleicht sogar das Auto. Wenig später entdeckte ich es, teils verborgen hinter einem Baum. Es war inzwischen 12.30 Uhr. Von oben hat man eine herrliche Sicht auf den Campingplatz inmitten des Waldes, der sich bis zum Horizont erstreckt.

Auf dem Campingplatz entdeckte ich einen Pool. Sehr günstig, über die Düne sind es bis zum Meer zwar nur etwa 500 Meter, aber man muss dann den Osthang hinauf (Treppe) und den Westhang wieder runter.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt

Wanderung zum nördlichen Dünenende

Ziel war eigentlich der höchste Punkt der Düne im nördlichen Drittel. Vorher, durch ein sanftes Tal vom höchsten Punkt getrennt, war ein großer Dünenberg. Diesen ersten Hügel musste ich noch schaffen, erst dann wollte ich mir eine richtige Pause gönnen. Die Sonne meinte es wirklich supergut, nur weit über dem östlichen Land war ein Wolkenfeld zu sehen. Allein war ich nicht unterwegs. Ab und zu begegneten mir Leute, teilweise mit Hund. Gespräche zu führen war aber heute nicht mein Ding, ich war zu sehr mit mir und den Mühen des Weges beschäftigt.

Der Weg gestaltete sich tatsächlich beschwerlich. Mit Stativ, sonstiger Ausrüstung und Wasservor­rat hatte ich ganz schön zu schleppen. Mein Kreuz meldete sich auch wieder, der Magen ebenso. Leider hatte ich versäumt bzw. es war mir garnicht möglich, ein Brötchen oder so etwas mitzunehmen. Ich hatte einfach nichts mehr. Die letzte Schnitte heute früh hatten die Vögel gefuttert, und der Laden auf dem Zeltplatz hatte aus unerfindlichen Gründen geschlossen.

Der erste Hügel am Horizont war mein vorläufiges Ziel.

Der direkt an der Düne nördlichste Campingplatz La Forêt

Der Landvorsprung markiert das nördliche Dünenende.

Licht und Schatten werfen ein surrealistisches Dünenbild.

Der bewachte "Corniche Beach", dahinter das "Blockhaus"

Ob der Hund weiß, dass er gut aussieht?

So zog ich also heute früh nur mit Wasser und einem letzten Apfel los, auch in der Hoffnung unterwegs etwas kaufen zu können. Auf der Düne ist aber leider weit und breit kein Laden, dachte ich selbstironisch. Da wusste ich noch nichts von dem Strandcafé "Blockhaus".

Ein größeres Propeller-Flugzeug brummte über mir, insgesamt zwei Runden drehend. Es war bestimmt ein Rundflug, vielleicht kann man so etwas mieten? Etwa zwei Stunden später kreiste es wieder über mir. Auch waren kleine Sportflieger unterwegs. Ein Flugplatz konnte also nicht weit sein.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Wanderung über die Dünenspitze bis zum Ende

Auf dem Dünenkamm entlangzugehen ist ein Erlebnis, das man nicht vergisst. Links die frische Meeresluft, die der Wind mit feinem Sand mischt und die Düne herauftreibt, rechts der steile Hang zum Wald mit dem losem Treibsand, in dem man nur schwerlich vorwärts kommt. Direkt auf dem Kamm ist der Untergrund relativ fest, auch in hohen Wanderschuhen lässt es sich gut laufen. Die Düne hat sanfte Erhebungen und Täler, die manchmal freien Blick in die Runde erlauben, und manchmal ist man von Sandbergen umgeben.

Die Düne mit 60 Millionen Kubikmeter und 500 m Breite

Der Blick aufs Meer entschädigt alle Strapazen.

Auf der Dünenspitze in 118 m Höhe bin ich nicht allein.

Am nördlichen Dünenende ist wieder Wald.

Für gute Videoaufnahmen ist das Stativ unentbehrlich.

Die Panorama-Schwenks gelingen nur mit Stativ.

Blick zurück in Richtung Süden auf den ersten Hügel

Blick zurück in Richtung Süden zur Dünenspitze

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Top de la Dune und nördliches Dünenende

Die Dünenspitze ist der mittlere der drei Hügel. Dorthin wollen fast alle Dünenbesucher. Man muss eben oben gewesen sein, sonst war man nicht da. Die vielen Spuren im Sand zeigten, dass der Wind nicht allzu stark wehte. Trotz der Sonne und der geschätzten 24 Grad musste ich ein zweites T-Shirt drüber ziehen. Die Luft vom Meer war kühl, vielleicht schon polaren Ursprungs.

Hier bin ich auf dem Weg zum Restaurant "Le Blockhaus"

Bunker Arcachon, die Strandwacht und das Blockhaus

Die Reste des Westwalls sind abgerutscht und versinken.

Das Blockhaus bietet Snacks, Getränke und Meeresblick. Dahinter beginnt die Küste von Pyla sur Mer, die Teil der Meeresöffnung des Bassin d'Arcachon ist.

Vor dem Dünenende führt ein Weg hinunter zum Wald.

Durch den Wald erreicht man den großen Parkplatz.

Rechts das Haus der Strandwacht (Place de la Corniche)

Der Beton des Zweiten Weltkrieges wird als Kunst-Platt­form genutzt, für mich allerdings nicht deutbar. Im Hinter­grund liegt das Kap Ferrét des Beckens von Arcachon.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt

Rückweg im Wasser und quer über die Düne

Die Erkundung des weiteren Küstenverlaufs rund um das Becken von Arcachon wäre sicherlich interessant gewesen, vor allem das Cap de Ferrét (Teil der Halbinsel Lège-Cap Ferrét) mit weiteren Bunkeranlagen und endlosen Sandstränden. Aber für heute hatte ich genug. Der Rückweg unterhalb der Düne am Meer entlang war angenehm. Ich hatte all meine Sachen am und im Rucksack verstaut und konnte so im T-Shirt und Badehose einige Kilomenter im Meer laufen. Hier unten blies der Wind nicht so stark.

Küste hinter dem Blockhaus (Pyla sur Mer, Ri Arcachon)

Rechts ist die weiße Bunkertür zu sehen.

Mein Weg führt wieder zurück Richtung Süden.

Auch dieser Betonklotz wird irgendwann im Meer landen.

Auch der dickste Stahl hat nichts genützt, gut so!

Auf der Meeresseite steigt die Düne nur langsam an.

Am Meer ist der Schichtaufbau der Düne deutlich zu erkennen. Etwa ein bis drei Meter über dem Meeresspiegel (je nach Gezeitenzustand) haben sich Pflanzen angesiedelt, die vom austretenden urzeitlichen Süßwasser leben. Diese Schicht ist eine stark verdichtete kohlenstoffhaltige Sperrschicht, die aus früherer Vegetation entstand. Auf ihr hat sich das Tiefen-Grundwasser gesammelt.

Ich wusste nicht genau, wann ich die Düne hochlaufen musste, um wunschgemäß an der Leiter meines Zeltplatzes wieder rauszukommen. Beim schweißtreibenden Aufstieg stellte ich dann fest, ich war doch zu weit nach Süden abgekommen. Der Wind frischte auf, die Wellen zwischen Düne und vorgelagerter Sandbank waren jetzt für einige Surfer hoch genug. Besonders die Gleitschirmflieger schienen sich über die aufsteigenden Winde am Westhang der Düne zu erfreuen. Da das Gelände flach und damit ungefährlich ist und auch bei günstiger Witterung mit einem stets konstantem Aufwind zu rechnen ist, eignet sich die Düne hervorragend auch für Neulinge.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt

Ende des 1. Tages mit Besuch in der Nacht

Ich war froh, wieder den Wald auf der anderen Seite der Düne zu sehen. Der Zeltplatz war nicht mehr weit. Nur noch die Leiter hinunter, dachte ich. Doch barfuß war es gefährlich auf den Eisenstufen. Deshalb blieb ich neben der Leiter und ließ mich im losen Treibsand mehr rutschend als laufend nach unten treiben. Müde und hungrig, aber zufrieden, kam ich zum Auto.

Blick wieder Richtung Norden, Standort oberhalb des Zeltplatzes Camping de la Dune. Unglaublich diese Aussicht!

Nur noch die Leiter hinunter und ich bin wieder zu Hause.

Die Abendsonne wärmt noch, im Windschatten der Düne.

Es war 17.30 Uhr, immer noch super Wetter.

Ein Zeltplatz-Besucher auf dem Weg zum Abend-Fressen.

Es war ein schöner Abend, vor allem nach der Dusche und der warmen Mahlzeit aus der Büchse. Besuch hatte ich auch, die Wildsau war keine 10 Meter von mir entfernt und suchte nach Futter. Sie schien sich hier besser auszukennen als ich.

Frankreich 28.09.2016: Camping de la Dune, 1. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Besuch in der Mondschein-Nacht

Die Dünenwanderung steckte mir in den Kno­chen. Nach dem Abendbrot wollte ich deshalb möglichst schnell zur Ruhe kommen. Morgen würde ja wieder ein anstrengender Tag werden. Der Weg zur Dusche war nur noch schemenhaft erkennbar, trotz des sternenklaren Himmels. Ich sah nur ganz wenige Lichter aus Wohnmobilen bzw. Bungalows. Nicht dass ich Angst gehabt hätte, aber komisch kam es mir schon vor, so allein (fast) auf dem Campingplatz mitten im Wald in finsterer Nacht. Auch dachte ich an das Wildschwein, dass hoffentlich schon längst wieder weit weg war. Jedenfalls beeilte ich mich auf den 100 Metern zwischen Dusche und Auto.

Ich war gerade dabei, mich bettfertig zu machen, da krachte und schepperte es durch die Nacht. Es klang fast wie ein Autounfall. Dann war wieder Stille. Ich hielt inne, lauschte und strengte mich an, jedes Geräusch zu sortieren. Doch außer dem leisen Rauschen der Baumwipfel und einem ganz weit entfernt kläffendem Hund war nichts zu hören. Langsam, aber sehr aufmerksam, fuhr ich fort, mein Nachtlager herzurichten. Da wieder Ruhe war, sorgte ich mich nicht weiter. Und trotzdem, irgend etwas oder jemand musste das Geräusch verursacht haben. Die Straße war ja auch nicht weit, vielleicht hatte es doch einen Unfall gegeben. Irgendein Motorgeräusch war aber auch nicht zu hören. Vielleicht war das Wildschwein noch auf dem Gelände? Ich beruhigte mich, das Licht meiner Kopflampe würde bestimmt jedes Tier in die Flucht schlagen.

Dann zog ich die letzte Autotür von innen zu. Hundemüde streckte ich mich aus und begann, noch ein paar Tages-Notizen in meinen Voice Tracer zu sprechen. Mein Licht war auch aus, der Fensterspalt ließ zumindest akustisch eine gewisse Kontrolle der Außenwelt zu.

Mein Geist war schon im Land der Träume, als scharrende Geräusche meine Ohren spitz werden ließen. Hellwach saß ich im Schlafsack, versuchte die Dunkelheit zu durchdringen um mitzukriegen, was draußen vor sich ging. Da – wieder das Scharren, und jetzt, ganz deutlich, ein schnaufendes Grunzen. Nun war alles klar. Das Schwein musste ganz in meiner Nähe sein. Na prima, dachte ich. Vorsichtig kroch ich zum vorderen Fenster, das wegen der fehlenden Dunkelfolie bessere Sicht bieten würde. Ich sah aber nichts, nur schwach den staubigen Sand des Weges und über der Düne die leuchtenden Sterne.

Mit größter Helligkeitsstufe schaltete ich meine Stirnlampe an. Am Bungalow schräg gegenüber fiel der Müllbehälter um, natürlich nicht von selbst. Zwei Schweine trotteten am Auto vorbei den Weg hinauf zum Sanitärhaus. Ich wusste, dort stehen weitere Müllkübel. Nochmals hörte ich allerlei tierische Laute und dann schnelle Laufgeräusche – schließlich war wieder Ruhe.

Noch mindestens 10 Minuten saß ich im Auto, inzwischen wieder ohne Licht, und lauschte. Was nun? Sollte ich schlafen, was mir aber sowieso nicht gleich gelingen würde, oder sollte ich versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich entschied mich für Letzteres. Ich musste wissen, was vorn los war. Mit Stirnlampe und einem Trekkingstock bewaffnet ging ich zum Sanitär­haus, natürlich mitten auf dem Weg.

Schon von weitem sah ich die Bescherung. Zwei der großen Müllkübel lagen da, die Deckel offen. Papier und anderes Zeug war verstreut, eine wirkliche Sauerei im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schweine hatten ganze Arbeit geleistet. Ich leuchtete umher, nichts Besonderes war zu sehen, nichts war zu hören. Die Schweine waren weg. Überhaupt schien ich der einzige Camping­platz-Gast zu sein. Die wenigen Lichter vor einer Stunde waren nun auch erloschen.

Am Auto setzte ich mich noch auf die Bank, löschte das Licht und lauschte gespannt in die Umgebung. Na gut, dachte ich, jetzt beginnt die Nachtruhe, hoffentlich ohne weitere Aufregung. Plötzlich wurde es ein wenig weniger dunkel, der Mond kam hinter einem schwarzen Wolkenband hervor. Die Wolken im Osten hatte ich garnicht bemerkt, da meine Aufmerksamkeit immer zum Himmel über der Düne gerichtet war. Jetzt hörte ich auch wieder das leise Rauschen der Baum­wipfel. Die Sterne blinkerten, als wollten sie mir zuzwinkern. Vielleicht war ich auch nur etwas zu müde. Jedenfalls genoss ich die angenehm frische Luft, die Ruhe und das Sternenzelt. Ich glaubte sogar, das Band der Milchstraße zu erkennen. Einen derart klaren Nachthimmel hatte ich zuletzt im Jahr vorher in Sagres in Portugal gesehen.

Während ich so saß, begannen meine Augen ihre Läden dicht zu machen. Die Anstrengung des Tages setzte sich immer mehr durch. Wenig später kuschelte ich mit dem Schlafsack und war bis zum Morgen im Land der Träume, ohne es auch nur ein einziges Mal zu verlassen.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt

Do 29.09. – Camping de la Dune, 2. Tag

Der zweite Zeltplatz-Morgen

Das Land der Träume sollte mich bis nach 9 Uhr festhalten. Die umgestürzten Kübel am Duschhaus erinnerten mich an die Besucher vom gestrigen Abend. Sie hatten ganze Arbeit geleistet. Papier, leere Büchsen und anderes Zeug war verstreut, eine im wahrsten Sinne des Wortes große Sauerei. Das Zeltplatz-Personal hatte noch nicht aufgeräumt. Obwohl die Müllbehälter einen ziemlich robusten Deckel haben, wussten die Wildschweine genau, wie man an Fressbares kommt. Ich denke, es war nicht ihr erster Besuch. Offensichtlich hatten sie in der Ver­gangenheit schon oft Erfolg.

Mir knurrte der Magen. Wenn der Zeltplatz-Laden wieder zu haben würde, müsste ich mich auch auf die Suche nach etwas Essbaren machen. Eine Suppe aus der Dose mit Kaffee wäre zwar noch möglich gewesen, aber ein Brötchen zum Frühstück ist mir lieber.

Ich hatte Glück. Der Laden war auf. Zwar waren die Regale fast alle leer (wohl wegen des Saison­endes), doch mit zwei Baguettes und etwas Schmierkäse war ich zufrieden. Ich hätte mir etwas Obst oder Weintrauben gewünscht. Auch war nur noch eine Flasche Wasser im Auto. Ein richtiger Supermarkt musste her.

Beim Frühstück erfuhr ich von meinem neuen Nachbar nebenan, ein in Deutschland lebender Pole, dass vor dem nächsten Zeltplatz (Route de Biscarrosse, D218 südlich) ein größerer Laden sei. Nun stand fest: Den Supermarkt besuchen, dann Wandersachen anziehen und auf der Düne zum nördlichen Ende laufen. Gestern war ich am Dünenende links hinunter zum Meer gegangen. Heute wollte ich rechts hinunter, um die Gegend in Nähe des großen Parkplatzes zu erkunden.

Fertig zum Wandern. Der Pole hat geknipst.

Anspruchsvolle Ziele, Santa Monica wäre nicht schlecht.

Eine jetzt verwaiste Bühne (Nähe Pool)

"Ukulélé SALOON" (Ukulele = ähnlich einer Gitarre)

"Bal des Flots Bleus"

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Kleiner Zeltplatzrundgang

Noch vor dem Supermarkt-Besuch interessierte mich vor allem der Zeltplatz-Pool. Vielleicht würde ich ihn doch mal nutzen. Auch sonst finde ich den Campingplatz nicht schlecht. Im Sommer wird hier zwar alles voll sein, doch als Alternative zum F1-Hotel in Bordeaux könnte man durchaus auch hier die Nacht verbringen. Auf der Fahrt nach Spanien bzw. Portugal liegt der Zeltplatz fast am Weg.

Das Empfangshäusl (Rezeption) von hinten

Fahrrad-Verleih

Zugang zur Bar von der Straße aus

Die Straße D218 Ri Süden (Biscarrosse) mit Fahrradweg

Der Pool ist nicht groß, maximal 25 Meter.

Rezeption

Eingang, rechts der Fahrrad-Verleih

Der nächste Campingplatz Pyla mit dem Supermarkt

 

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Der Supermarkt hat schon geschlossen

Pech gehabt! Als ich zum Supermarkt kam war er geschlossen. Er schließt um 12 Uhr (9 bis 12) und öffnet erst wieder am späten Nachmittag (17 bis 19), natürlich nur in der Saison. Ich hätte die Zeit nicht vertrödeln sollen. Die Fotos vom Zeltplatz hätte ich auch noch später machen können. Pech nur, dass ich jetzt wirklich bald am Hungertuch nagen musste. Vielleicht ist unterhalb des nördlichen Dünenendes eine Gelegenheit einzukaufen, so hoffte ich.

Eingang vom Campingplatz Pyla, zur Zeit noch geöffnet

Der Supermarkt macht schon Mittagspause.

Rezeption Campingplatz Pyla

Auch der Zeltplatz Pyla ist in den Wintermonaten von Oktober bis einschließlich März geschlossen. Mich wundert das ein wenig. Ich würde es reizvoll finden, bei Kälte oder gar bei Frost und Schnee auf der Düne zu laufen. Zumindest ist die Winterluft sehr gesund, man kennt das von der Ostsee. Aber wahrscheinlich sind nicht so viele Leute meiner Meinung und die Öffnung der Campingplätze lohnt sich wirklich nicht.

Camping Pyla hat etwas höhere Preise als mein Zeltplatz Les Flots Bleus. Ich hatte also, ohne es zu wollen, bei meiner Ankunft den günstigsten Platz erwischt.

Nach dem ergebnislosen Shopping-Versuch blieb mir nichts anderes übrig, als zurück zu laufen und meine Tour mit karger Marschverpflegung zu beginnen. Ein Baguette hatte ich noch, und die letzte Flasche Wasser musste reichen. Von der Straße aus sah ich viele Leute auf der Düne, mehr als gestern. Ich war gespannt, was kommt.

Ich laufe wieder zurück, ohne Einkauf.

Heute ist viel los auf der Düne.

Heute früh hatte mir der Nachbar gesagt, es soll vom Nordwesten her eine Regenfront kommen. Das fand ich nicht so gut. Ich hatte ja schon die Fahrt Richtung Süden aufgegeben und wollte ersatzweise zur Klosterinsel Sant Michel fahren. Aber genau von dort kam das schlechte Wetter. Was nun? Vielleicht würde es hinter der Schlechtwetterfront wieder schön werden. So hoffte ich zumindest. Der Pole wollte am nächsten Tag (Freitag) abreisen. Er meinte, der Campingplatz würde sowieso schließen.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
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Auf der Düne nach Norden

Die schlechten Aussichten laut Wettervorhersage hatte ich schnell vergessen, kein Wunder bei diesem strahlenden Himmel. Mein Aufstieg zum Dünenkamm war diesmal leichter, vielleicht auch, weil ich nicht soviel dabei hatte. Ohne Stativ, mit wenig Gepäck, in kurzen Hosen und vor allem nach einer erholsamen Nacht ließ es sich besser laufen.

Wie hoch ist die Düne wirklich?

Dieses Mal hatte ich das Navi mitgenommen, um selbst die Dünenhöhe zu bestimmen. Es gibt ja ganz unterschiedliche Angaben. Nicht jedes Navi zeigt permanent die aktuelle Höhe an, mein Garmin-Navi tut es. Am Fuße der Leiter auf dem Campingplatz waren es 65 Meter, auf dem Kamm oberhalb der Leiter 98 Meter. Die Differenz beträgt also nur 33 Meter. Ich hätte mehr geschätzt. Später auf dem mittleren höchsten Berg der Düne habe ich dann 126 Meter gemessen. Das ist also mehr als die 117 Meter, die in verschiedenen Prospekten und auch im Web angegeben sind.

Nun, ich weiß natürlich nicht, wie genau das Navi misst und was angezeigt werden würde, wenn ich mich unterhalb der Düne auf Meeres­höhe befinden würde. Alle Höhen­an­gaben beziehen sich auf den Meeresspiegel. Doch dieser hängt von Ebbe und Flut ab und ist auf der Welt auch sonst nicht überall gleich hoch. Die Erde ist ja keine gleichförmige Kugel sondern eher eine Kartoffel mit ziemlich großen Eindellungen und Ausstülpungen. Die Gebirge sind da schon herausgerechnet. Ich hoffe ja, dass der aktuelle Meerespiegel am Standort des Navis den Null-Bezug darstellt. In Südportugal hatte ich an einer Küstenstraße in Höhe des Meeres 2 Meter gemessen. Aber auch dort gibt es Ebbe und Flut.

Bis zum Kamm sind es nur 33 Meter Höhenunterschied.

Camping de la Dune mit dem Pool (hinten)

Der Pool liegt am Ostrand, hinter der Hecke die Straße.

Die winzigen Punkte auf dem Kamm sind Menschen.

Nachtrag: Im Web ist zu lesen, dass GPS-Geräte bei der Höhenbestimmung auch auf bestimmte Bezugssysteme referenzieren (in Europa z.B. WGS 84). Es gibt weltweit keine einheitlich definierte Meereshöhe, nicht einmal in Europa. Die zur Anwendung kommende Meereshöhe orientiert sich an bestimmten, willkürlich festgelegten Referenzpunkten (z.B. der Felsblock "Pierre du Niton" im Genfer See mit 373,6 m über NN).

Wissenschaftliche Basis sind Geoid und Ellipsoid. Geoid ist gewissermaßen der weltweite Meeresspiegel (NN), der sich aus einer Erde mit regelmäßiger Gravitation ergibt, wenn sie komplett mit Wasser bedeckt wäre. Der Ellipsoid versucht den Geoid für bestimmte Gebiete der wirklichen Erde zu beschreiben. Die Erde insgesamt ist ein Ellipsoid. Er passt aber nicht überall, da die Erde sehr unterschiedliche Oberflächenformen und Gravitation aufweist. Deshalb sind Ellipsoide für kleinere Gebiete definiert, die dann auch bei der GPS-Höhenbestimmung berücksichtigt werden.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Der Labrador

Wie schon von unten erkennbar waren tatsächlich viele Leute auf der Düne unterwegs, einige mit Hund. So auch zwei Italiener (Vater mit Sohn), die ein besonders schönes Exemplar dabei hatten. Ich selbst habe keine Ahnung von Hunden. Sie erzählten mir aber, der Labrador sei ein guter Jagdhund. Seine Urahnen stammen nicht von der gleichnamigen Halbinsel Kanadas, wie anzunehmen wäre, sondern von Neufund­land. Der Labrador sei kinderlieb und sehr bedacht, seinem Herrchen alles recht zu machen. Als Wachhund sei er weniger geeignet. Mir ist das alles ziemlich egal, mir gefiel der Hund einfach. Er nahm sofort Kontakt mit mir auf, als ich mich mit seinen beiden Herren unterhielt.

Früher wäre ich in solchen Situationen zurückhaltender gewesen, um nicht zu sagen, ich hätte Angst gehabt, einen fremden Hund zu berühren. Seit aber ein Hund in der Familie ist, habe ich ein wesentlich entspannteres Verhältnis zu solchen Begegnungen. Schwierig wird es immer dann, wenn ein Hund meint, seinen Bereich oder seinen Herrn beschützen zu müssen. So kann es durchaus vorkommen, dass ein Hund im Auto aggressiv wird, wenn man auch nur in die Nähe des offenen Fensters kommt. Sitzt man mit drin und ist das Herrchen (oder das Frauchen) dabei, ist alles gut. Man gehört dann dazu.

Ein Labrador in den Farben der Düne

Ein Familienhund, ein Jagdhund, aber kein Wachhund.

Auch ich muss (will) in diese Richtung.

Die Düne scheint endlos, zumal es wieder 26°C sind.

Auf meiner fast täglichen Fahrradtour (wenn ich nicht gerade z.B. in Frankreich unterwegs bin) komme ich in einem Dorf an einem Grundstück vorbei, in dem ein freilaufender Hund jedes Mal mit lautem Gekläffe und Rennen bis in die letzte Gartenecke auf seine Besitzrechte hinweist. In Gedanken versunken und sowieso immer nach Luft schnappend (es geht dort bergan) bin ich manchmal richtig erschrocken. Eines Tages platzte mir der Kragen. Ich stieg ab, ging zum Zaun und brüllte den Hund mit Worten an, die ich hier nicht wiederholen möchte. Das Kläffen hörte auf. Ich erzählte ihm noch irgendetwas von Unverschämtheit und Ruhestörung (Hoffentlich hat es niemand gehört!), und siehe da, der ziemlich große schwarze Kerl mit stechenden Augen blickte schon freundlicher und wedelte sogar mit dem Schwanz. Armes Vieh, dachte ich, bist wohl zu viel allein und brauchst Aufmerksamkeit.

Bis hier ist das vielleicht eine normale Geschichte. Aber am nächsten Tag war ich doch überrascht. Blacky (wahrscheinlich heißt er anders) sah mich kommen, lief auch am Zaun entlang, allerdings ohne zu Bellen. Das musste ich belohnen. Ich ging also wieder zu ihm hin, lobte ihn und hielt ihm einen Vortrag über den Umgang zwischen Tier und Mensch. Seitdem werde ich nicht mehr erschreckt, selbst wenn ich vorbeifahre und ihn nicht am Zaun begrüße. Wir kennen uns.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Die Vogelinsel

Mitten in der Bucht von Arcachon liegt die unter Naturschutz stehende Vogelinsel (Ile aux Oiseaux). Sie ist etwa 1000 Hektar groß und für die zahlreichen Vögel reserviert. Neben den Zugvögeln, die jedes Jahr hier einen Zwischenstopp einlegen, gibt es auch viele heimische Arten, die vor Ort brüten, wie z.B. die Brandseeschwalben. Die Insel ist relativ schwer zugänglich. Wohl dem, der einen einheimischen Naturfreund mit Boot kennt.

Mitten im Becken von Arcachon liegt die Vogelinsel.

Restaurant Le Blockhaus und oben Hotel La Corniche

Südende der Düne mit den Bunkern im Wasser (li. oben)

Erstaunliche Begegnung

Vielleicht 10 Leute mühten sich, über den steilen Hang auf die Düne zu kommen. Anfangs dachte ich, die sind aber unsportlich, die hätten lieber die Treppe nehmen sollen. Erst aus der Nähe sah ich, es waren Menschen mit Behinderung. Ich half einer etwas dickeren Frau, die letzten Meter zu schaffen. Allgemeines Klatschen, als alle oben waren. Meine Hochachtung gilt den beiden jungen Betreuerinnen, die solch eine Tour mit der Gruppe machten.

Einfahrt zum Becken von Arcachon, hinten das Cap Ferrét

Der Aufstieg ohne Treppe ist mühsam.

Manche muten sich vielleicht etwas zuviel zu.

Geschafft, Lohn der Mühe ist die schöne Aussicht.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
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Auf der Dünenspitze

Eigentlich ist es keine Spitze, sondern ein Hügel, aber der mittlere und höchste von den drei Sandbergen, die den Rest des Dünenekamms überragen. Es war genau 13.47 Uhr und Brotzeit. Die Aussicht zurück nach Süden, wo ich herkam, ist herrlich. Die Düne scheint kein Ende zu haben.

Blick zurück Richtung Süden von der Dünenspitze aus. Die Spuren verschwinden wegen des Windes schnell.

Höchster Hügel der Düne (Dünenspitze mit 117 m)

Blick zurück Richtung Süden auf die Dünenspitze

Blick Richtung Nordwesten, hinten Becken von Arcachon

Viele laufen barfuß, vor allem Jüngere.

Nun war nur noch die nördlichste Erhebung zu meistern, dann ging es bergab Richtung Treppe am Dünenende. Trotz der Nachsaison war ich nicht einsam hier oben. Das Sandmeer zieht die Menschen magisch an. Oft zu zweit aber auch in größeren Gruppen haben alle wie ich das gleiche Ziel, nämlich die Aussicht, die Natur und die Freiheit zu genießen. Ich hoffe es.

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Fototermin und Kampf mit dem Wind

Fotos zu machen kann ich verstehen, ich bin ja selbst Vielknipser und Videomat. Wie man aber auf die Idee kommen kann, bei herrlichstem wolkenlosen Himmel einen Regenschirm als Wind- und/oder Sonnenschutz benutzen zu wollen, ist mir ein Rätsel. Die Frau mühte sich redlich, der doch recht ordentlichen Brise aus westlicher Richtung etwas entgegen zu setzen. Später sah ich, wie der Schirm sich mehrfach unbrauchbar teilte.

Der erste Hügel von der Nordtreppe aus, Fototermin.

Blick vom nördlichsten Hügel zurück auf die Dünenspitze

Das Cap Ferrét, auf dem auch alte Bunkeranlagen sind.

Links der Leuchtturm der Halbinsel Ferrét. Die Halbinsel ist bewohnt, man kann mit dem Auto bis zum Kap fahren.

Der Wind mag keine schwarzen Sonnenschirme.

Das Dünengras nützt wenig gegen die Sandwanderung.

Blick Richtung Süden mit "meinem" Zeltplatz

In der Bucht sind viele Bootsanlegestellen. Die ganze Gegend wird hochgradig touristisch genutzt, der Naturschutz kommt aber nicht zu kurz.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt

Treppe, Markt und Parkplatz

Die Treppe am nördlichen Dünenende ist der eigentliche Zugang für die vielen Auto- und Bus-Touristen, die jedes Jahr die Düne stürmen nach dem Motto: "Wir waren auch dort." Meist lässt es die vom Bus-Reiseveranstalter geplante Zeit garnicht zu, die Düne näher zu erkunden oder auch nur ansatzweise die einzigartige Natur mental zu genießen. Vom Parkplatz bis zum Dünenaufgang sind es etwa 400 Meter.

Die Treppe ist vom großen Parkplatz aus erreichbar.

Viele Ältere und Bus-Touristen nehmen die stabile Treppe.

Die Treppe wird im späten Herbst abgebaut.

Vom Parkplatz aus geht auch ein Weg direkt auf den ersten Dünenhügel, allerdings ohne Treppe.

Die meisten Dünenbesucher nutzen die Plastik­treppe mit Geländer, steigen auf den ersten Hügel, staunen über die schöne Aussicht und das war es auch schon. Den zweiten höchsten Hügel, die Dünenspitze, spart man sich. Es ist ja auch nur Sand und das gleiche Meer, was man sieht. Die Düne in ihrer gesamten Länge und Gewaltig­keit erkunden die wenigsten. Zum Meer hinunter gehen noch weniger. Offensichtlich ist die pure Natur vielen Menschen zu mühsam oder man hat (nimmt sich) einfach keine Zeit. Mindestens 3 Stunden, eher 4 Stunden, sollte man Zeit einplanen, wenn der gesamte Dünenkamm hin- und zurück abgewandert werden soll. Ist der Sand trocken, der Wind stark und die Luft heiß, wird's noch schwieriger. Ausreichend Wasser sollte man dabei haben, auf der Düne gibt es keine Shops.

Die Düne muss jährlich etwa eine Million Besu­cher aushalten, an anderer Stelle werden bis zu 1,5 Millionen genannt. Das ist zwar weniger als die Besucherzahl des Eifelturms, aber immerhin die drittmeist besuchte Sehenswürdigkeit Frank­reichs. Davor kommt nur noch die Klosterinsel Mont-Saint-Michel in der Normandie. Das große Interesse ist vielleicht auch den Filmen zu verdanken, die im Dünenbereich gedreht wurden. 2006 kam der Film "Camping" in die Kinos, seine Fortsetzung im Jahre 2010. Im gleichen Jahr erschien auch die Tragigkomödie "Les Petits Mouchoirs" (Kleine wahre Lügen) vom Regisseur Guillaume Canet, dessen Drehort allerdings die Halbinsel Lège-Cap-Ferrét war. Die Hauptrolle war von der Frau des Regisseurs, Madam Marion Cotillard, besetzt. Sie ist übrigens eine Oscar-Preisträgerin.

Für Gleitschirm- und Drachenflieger ist die Düne ebenfalls eine der ersten Adressen, wenn es um sicheres (Anfänger) und akrobatisches Gleit­schirm­fliegen geht. Es soll sich um eine der schönsten Fluggebiete Europas handeln. Der flache Dünenhang zum Meer mit dem stetig vorhandenem vom Westen kommenden Aufwind bietet günstige Bedingungen. Die Unfallgefahr ist vergleichsweise zum Gebirge (Alpen) gering.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Der Touristen-Markt

Für Kurzbesucher interessanter scheinen die Verkaufsstände und Snackbars zwischen Düne und Parkplatz zu sein. Ich ging den seitlichen Weg hinunter (nicht über die Treppe) zum Waldweg, an dessen Rand beidseitig in einer Art von Jahrmarkt die Souvenir-Läden stehen. Außer typischen Touristen-Angeboten gab es nichts, für das es sich gelohnt hätte, Geld auszugeben. Allerdings fiel mir ein Hut ins Auge, den ich mir schon länger kaufen wollte. Die 12 Euro habe ich gerne ausgegeben, woanders hatte ich das gute Stück wesentlich teurer gesehen.

Am Weg zum Parkplatz sind viele Tingeltangel-Läden.

Es gibt auch zu Essen und zu Trinken.

Die Menschenleere auf den Fotos trügt. Ich habe Momente ohne Leute abgepasst, damit die Web-Veröffentlichung leichter fällt. In Wirklichkeit war wesentlich mehr los. Ich möchte nicht wissen, wieviel Leute sich hier während der Hoch­saison drängeln.

Überhaupt ist es nicht ratsam, die Düne während der Saison zu besuchen. Manchmal hat man den Eindruck, im Sommer ist halb Europa unterwegs. Vor allem die Parkmöglichkeiten sind dann sehr eingeschränkt. Gegen die Saison spricht weiterhin, dass auch die Zeltplätze voll sind. Und bei 30 Grad auf die Düne zu klettern ist auch nicht jedermanns Sache. Für solche Aufenthalte verbunden mit Wanderungen und/oder Sport ist sowieso das Frühjahr oder der Herbst die bessere Wahl. Allerdings kann man dann schnell vor verschlossenem Campingplatz stehen, was mir selbst beinahe passiert ist. Wohl dem, der seinen eigenen "Schlafwagen" mithat.

Das Hutsortiment, schaut aus wie Honeckers Freizeithut.

"Couleurs Nature" (Steht oben drüber.)

Links ist der Weg durch den Wald zur Düne.

Einer von den Hüten gehört bald mir, nur noch bezahlen.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Der große Parkplatz

Der große Parkplatz, kostenpflichtig und nachts gesperrt

Der Platz ist umzäunt und nur über Schranke erreichbar.

Links die öffentlichen Toiletten, geraudeaus Weg zur Düne

Das Parkplatz-Areal ist mit 950 Stellplätzen relativ groß, allerdings kostenpflichtig und dazu noch nur am Tag erlaubt. Zwischen 2 und 7 Uhr in der Nacht ist das Parken verboten, wohl um Übernachtungen im Wohnmobil oder Auto zu unterbinden. Wer in dieser Zeit auf dem Parkplatz ist, zahlt am Automaten 40 Euro. Ohne diesen Obolus kommt man nicht mehr vom Platz, die Schranken bleiben zu. Besonders raffiniert (und ärgerlich) ist, dass die Schranke nach dem Ziehen des Tickets in der besagten Zeit bei der Einfahrt trotzdem aufgeht, geradeso, als sei das Parken erlaubt.

Am Tag ist das Parken für eine halbe Stunde kostenlos, zu kurz, um auf die Düne zu kommen. Die Zeit reicht höchstens für einen Gang zu den nahegelegenen öffentlichen Toiletten, oder für einen Snack. Bis 4 Stunden kosten 4 Euro, bei mehr als 4 Stunden muss man 6 Euro bezahlen. Außerhalb der Saison, die vom April bis Mitte November geht, reduziert sich der Preis auf 1 Euro (4 Stunden) bzw. 2 Euro (mehr als 4 Stunden). Diese Preise waren in 2016 gültig, an der Einfahrt stehen die aktuellen Preise. Die öffentlichen WCs sind übrigens kostenlos und ganzjährig geöffnet. Allerdings besteht hier die einzige Möglichkeit der WC-Benutzung.

Eine Alternative zum großen Parkplatz bietet der nach dem südlichen Dünenende gelegene ebenfalls recht große Parkplatz in Nähe des Strandes Le petit Nice. Dieser Parkplatz ist kostenlos und liegt zudem noch relativ schattig inmitten des Kiefernwaldes. Nachteil ist, man muss etwa eine halbe Stunde laufen, um das südliche Ende der Dune de Pilat zu erreichen. Vorteil ist, die Gegend ist besonders in der Saison nicht so überlaufen. Auch hier gibt es mehrere Camping­plätze. Ob auf dem Parkplatz auch eine Über­nachtung im Auto (bzw. Wohnmobil) möglich ist, habe ich nicht gecheckt.

Wer zum Strand will, kann auch am Kreisverkehr (von Bordeaux kommend) in Richtung Arcachon abbiegen und beim nächsten Kreisverkehr nach links in Richtung Corniche fahren. An dieser Straße gibt es beidseitig einige kostenlose Parkplätze, die aber in der Saison immer belegt sind. Wenig später gelangt man über eine Holztreppe hinunter zum bewachten Strand "La Corniche". Von dort aus ist der Dünenkamm vom Meer her erreichbar. Der Westhang ist lang, ca. 500 m.

Aber auch die Wanderung am Meer entlang bis zum südlichen Dünenende ist empfehlenswert. Über das südliche Dünenende hinaus kommt man dann nach ca. 1,6 Kilometern zum weiter oben erwähnten großen kostenlosen Parkplatz mitten im Wald. In dieser Gegend liegen auch die alten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, teils über, meist aber unter Wasser.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt

Rückweg durch den Wald

Vom Parkplatz aus musste ich nun den Weg zum Campingplatz finden, denn auf die Düne wollte ich nicht wieder. Entlang der Straße wollte ich auch nicht gehen, dies wäre zu unattraktiv gewesen. So bog ich den ersten möglichen Weg nach rechts ab, der mich in den Wald führte. Die Düne rechter Hand gab mir die grobe Orientierung. Verlaufen konnte ich mich also nicht. Es würden ja höchstens drei Kilometer bis zum Campingplatz sein, eher weniger.

So licht wie hier war der Wald nicht überall, teilweise war er sogar ziemlich undurchdringlich.

Der Wald ist kein eintöniger Kiefernwald, sondern mit kleineren Bäumen und Buschwerk durchsetzt. Was mir auffiel, war der zahlreich vorhandene Farn, teilweise regelrechte Farn­felder. Die Baumwipfel über mir schlossen sich manchmal, so dass der schmale Pfad recht duster war, trotz des herrlich blauen Himmels.

Ab und zu verharrte eine Eidechse auf dem Sandweg, um es sich auf einem verbleibenden sonnigen Fleck gut gehen zu lassen. Sobald ich näher kam, verschwanden sie raschelnd im nahen Laub und Pflanzwerk. Es waren auch einige größere Exemplare dabei, so etwa 15 Zentimeter lang. Ansonsten war von Tieren nichts zu sehen. Ab und zu schimpfte ein Vogel aus den Baum­kronen, der sich wohl durch mich gestört fühlte. Die Luft war hitzig und stand regelrecht im Wind­schatten der Düne. Ich wünschte, mir würde der Wind vom Meer um die Ohren blasen.

Hoher Farn, teilweise den Pfad zuwachsend.

Den Weg scheinen nicht viele Leute zu benutzen, zumindest nicht in der Zeit meiner Anwesenheit. Jedenfalls konnte ich im weichen Sandboden keinerlei Fußspuren entdecken. Teilweise war der Pfad an tieferen Senken von flachem Pflanzwerk überdeckt. Das deutet einerseits auf Feuchtigkeit, andererseits auf geringe Pfadbenutzung hin.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Spuren im Sand

Plötzlich sah ich tiefe Aufwühlungen, wie sie nur von Wildschweinen gemacht werden. Aha, dachte ich, hier ist also das Zuhause der nächtlichen Besucher auf dem Campingplatz. Nicht dass ich etwa Angst gehabt hätte, aber jetzt lauschte ich beim Laufen auf jedes Geräusch aus der undurchdringlichen Umgebung. Nun schien es mir, ich werde beobachtet und jeder meiner Schritte wird verfolgt. Das war natürlich Unsinn, doch einer Wildsau wollte ich jetzt nicht unbedingt begegnen.

Mir fiel die Geschichte ein, die mir vor vielen Jahren meine Mutter erzählt hatte. Ein Heidel­beer-Sammler war im Königsfelder Wald (in dessen Nähe ich aufwuchs) tief ins Unterholz gekommen. Er hörte das Gequiekse von jungen Schweinen und dachte wohl, dass daraus ein Braten werden könnte. Später hatte man in der Nähe eine blutige Eisenspitze gefunden. Jeden­falls musste er versucht haben, einen der Frischlinge zu töten. Die Bache nahm ihm das sehr übel. Man fand den über 60-jährigen Mann am nächsten Tag mit schlimmen Gesichtsver­letzungen leblos im eigenen schon getrockneten Blut liegen. Es muss grausam ausgesehen haben.

Ich ging, ohne eine Menschenseele zu treffen.

Die Düne, ständiger Begleiter und Wegweiser.

Hinten rechts geht es bergan zur Straße.

Wie meine Mutter sagte, stand das Ereignis in allen regionalen Zeitungen. Ich selbst war noch keine 6 Jahre alt. Meine Mutter versuchte, mir die Streifzüge mit meinem älteren Bruder durch die nahen Wälder zu verbieten, allerdings vergeblich. Ich hatte zwar Angst, aber mein Bruder würde jeden Angriff abwehren. Davon war ich überzeugt. Man muss wissen, dass mein Bruder ein Waldmensch war. Er scheute sich nicht, die noch nicht flüggen jungen Holztauben (wilde Tauben, die im Wald leben) aus den Nestern zu holen, um sie dann zu Hause einzusperren und solange zu füttern, bis daraus kleine Mahlzeiten wurden.

Ich bin also bezüglich Wildschweine etwas vorbelastet, wenngleich mir später nur in Ferch (bei Potsdam) eine ganzes Rudel über den Weg gelaufen ist, um die Müllkübel auszuräumen. Natürlich darf man den Besuch in der letzten Nacht nicht vergessen.

So in Gedanken merkte ich, dass sich der Wald lichtete. Mir wurde wohler zumute.

Der Weg schlängelte sich im Abstand von etwa 200 Metern parallel zur Düne durch das durchweg flache Gelände. Ab und zu hörte ich ein Auto, die Straße war also auch in der Nähe. Begegnet bin ich keinem einzigen Menschen. An einer lichten Weggabelung wusste ich nicht genau: rechts oder links? Ich lief rechts, und prompt stand ich vor der Düne. Ein Holzzaun versperrte den Weg. Ich hätte am Dünenfuß über Zeltplatzgelände weitergehen können, was ich aber nicht wollte, also war umkehren angesagt, um den anderen Weg Richtung Straße zu nehmen.

Nach wenigen Minuten stand ich dann auf der Straße nach Biscarrosse. Es war am Anfang des Campingplatzes La Forêt, der erste der drei Plätze von Bordeaux kommend. Mir blieb nichts weiter übrig, als an der Straße weiterzulaufen.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Campingplatz La Forêt

Der Waldweg mündet auf der Strasse Richtung Biscarrosse, kurz vor dem Campingplatz La Forêt. Dieser Campingplatz liegt ebenfalls mitten im Pinienwald am Fuße der Düne. Er ist familiengeführt und hat Einiges zu bieten: Tennis, Minigolf, Volleyball, Boccia, Kinderclub, Kinderspielplatz, Supermarkt, Bar mit TV, Wäscherei, Kühlschrankvermietung, Fahrradverleih, Take-Away-Restaurant, Snackbar, freies WiFi usw. Schlafen kann man in Mobilheimen, im Wohnwagen, im Zelt und natürlich auch im Auto. Es darf auch gegrillt werden (Gas oder elektrisch), was nicht auf jedem Campingplatz erlaubt ist. Hunde sind kein Problem.

So schön blau kann der Himmel im September sein. Die Solitär-Kiefer steht am Zeltplatzeingang La Forêt.

Wer allerdings nur Ruhe sucht, dem dürften die gelegentlichen Disco- und Tanzabende in der Saison nicht so recht sein. Außerdem gibt es Ani­mationsprogramme, dessen Teilnahme ist aber keine Pflicht.

Zum Strand am Meer (Place de la Corniche) sind es etwa 3 Kilometer. Man muss auf der Straße bis zum nördlichen Ende der Düne laufen, dann am großen Parkplatz vorbei, um schließlich an das Meer zu gelangen. Es gibt einen Shuttle-Bus, der recht oft zwischen Badestrand und den Zelt­plätzen an der D218 verkehrt. Kürzer, aber schweißtreibender ist der Weg über die Düne.

Der Campingplatz La Forêt ist allerdings etwas teurer (3 Sterne von den möglichen 5 Sternen). Man bietet zwar allerhand, vor allem auch für Familien mit Kindern, doch ich denke, auf meinem Platz (Camping de la Dune) bin ich besser aufgehoben. Ich mag es lieber einfacher, vom animierten Urlaub und viel Rummel halte ich nichts.

Parken vor dem Campingplatz La Forêt

Offene Schranken, also doch noch kein Saisonende.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Wieder im eigenen "Camp"

Gegen 16 Uhr erreichte ich meinen Zeltplatz, vom Campingplatz La Forêt aus sind es keine 10 Minuten. Der gesamte Marsch über die Düne und dann zurück durch den Wald war kräftezehrend, vor allem wegen der Hitze. Kein Wölkchen am Himmel, hinter der Düne fast windstill und etwa 26 Grad: für September sicherlich auch hier ein Ausnahme-Wetter.

Mein hilfsbereiter polnischer Nachbar ist ein Deutscher mit polnischem Akzent.

Noch eine Stärkung vor dem späten Aufstieg zum Dünen-Sonnenuntergang. Es würde der letzte Abend werden. Morgen geht es weiter Richtung Norden zur Klosterinsel Sant Michel.

Ein kleines Ärgernis hatte ich trotzdem, der Aufnahme-Schalter meines Voice-Recorders klemmte. Gerade dieser Schalter wird laufend benötigt. Später nach eingehender Untersuchung stellte sich heraus, dass ein Sandkörnchen die Schiebefunktion hemmte. Eigentlich dürfte das nicht sein, aber das Gerät ist bestimmt nicht unter dem Gesichtspunkt des Outdoor-Einsatzes auf Sanddünen entwickelt worden. Nach Zerlegen, Reinigung und leichtem Einfetten der Reibe­flä­chen funktionierte der Recorder wieder tadellos.

Ich möchte das Gerät nicht mehr missen, es ist wesentlich komfortabler als mein altes Diktier­gerät mit Mikrokassetten. Man kann den Recorder stundenlang auch einfach durchlaufen lassen, ohne befürchten zu müssen, dass der Speicher voll wird.

Heute hatte ich noch Großes vor. Ich wollte auf der Düne den Sonnenuntergang erleben und filmen. Im Web hatte ich dazu Berichte gelesen, die vielversprechend waren. Natürlich muss das Wetter mitspielen, heute wahrscheinlich kein Problem. Allerdings war mir nicht genau der Zeitpunkt des Sonnenuntergangs bekannt. Ich habe mich dann bei meinem polnischen Nachbar erkundigt. Er hat Internet über Satellit und auch TV im Wohnmobil. Bis gegen 20 Uhr war noch Zeit, genügend, um zu essen und sich auszuruhen.

Der Pole, ein Deutscher

Interessant ist, dass der Pole mit Frau vor vielen Jahren nur deswegen in Deutschland hat sesshaft werden dürfen, weil die Mutter des Polen eine Deutsche war. Sie war geblieben und hatte die Vertreibung im Februar 1945 nicht mitgemacht. Die Russen rückten immer näher, sie wollte aber ihre Heimat nicht verlassen. So wurde sie gewissermaßen zwangsweise zur Polin, fügte sich in ihr Schicksal und gebar einen Sohn. Mit diesem Sohn ging sie dann später nach Deutschland und konnte die neue (alte) deutsche Heimat noch einige Jahre im Allgäu erleben.

Somit ist mein polnischer Nachbar mit immer noch deutlichem polnischen Akzent in Wirklichkeit eigentlich ein Deutscher, musste in der Kindheit aber polnisch sprechen. Den Deutschen in der späteren Volksrepublik Polen war es anfangs in der Öffentlichkeit verboten, ihre deutsche Muttersprache zu pflegen. Die Frau meines Nachbars ist aber eine echte Polin, es war seine frühe Jugendliebe, die so auch in den Genuss der deutschen Staatsbürgerschaft kam.

Schrecklich, was das Verschieben von ganzen Völkern samt der Landesgrenzen für den einzelnen Menschen bedeutet. Vertreibung, Umsiedlung, Flucht, Auswandern, Einwandern — dies alles dürfte es garnicht geben, zumindest nicht zwangsweise und schon garnicht aufgrund ethnischer Zuge­hörigkeit. Immer müssen diejenigen leiden, die am wenigsten an den vermeintlichen Kriegs­gewinnen der Mächtigen partizipieren.

 

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt

Sonnenuntergang auf der Dune du Pilat

Der Aufstieg war angenehm, die Kraft der Sonne hatte schon nachgelassen. Sie übergoss die Düne zunehmend mit goldgelber Farbe. Ich musste mich beeilen. Bis zur Spitze war es noch weit. Nicht nur ich hatte die Idee, die letzte Stunde des Tages auf der Düne zu verbringen. Mit Stativ, Kamera und Fotoapparat hatte ich ganz schön zu schleppen. Immer wieder musste ich stehenbleiben, um die zunehmende Änderung des Farbspiels zu verewigen, d.h. zu fotografieren.

Je später der Abend, desto schöner die Farben. Die Sonne verzaubert, einfach so und überall. Sie weiß nichts von uns.

Das war die Spitze, nach kurzer Zeit mit vielen Leuten.

Weiter unten am Meer genossen die Pärchen das Schau­spiel, weit weg vom Trubel auf der Dünenspitze.

Noch rechtzeitig konnte ich die Kamera aufstellen.

Der Sonnenuntergang ist immer wieder faszinierend, besonders hier in dieser nicht alltäglichen Umgebung.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Der Augenblick des Seins

Wenn die Sonne langsam in den Horizont taucht geht trotzdem alles viel zu schnell. Tröstend ist nur die Sicherheit der Wiederkehr. Am nächsten Abend würde sich alles wiederholen. Sie geht abends und kommt morgens wieder. Nicht so das immer schnellere Verrinnen der eigenen Zeit. Die Stunden, Minuten und Sekunden sind unwiederbringlich, einfach weg. Was ist das bloß für ein Gefühl. Ich möchte das Schöne festhalten, die wenigen Minuten des Sonnen-Abschieds zu Stunden werden lassen. Doch nein, sie tut mir nicht den Gefallen — ich meine die Zeit. Sie schwindet, sie kommt kein zweites Mal, so wie das Wasser im Fluss kein zweites Mal vorbeiströmt, nicht rückholbar. Doch sie hinterlässt Spuren, prägt unser Leben. Sie rinnt unaufhörlich. Das was vorher war, wird länger, das was noch kommt, immer kürzer. Was bleibt, ist der Augenblick, mit allem, was ihn füllt.

Die eigene Vergänglichkeit ist festgeschrieben, da hat es die Sonne besser, zumindest noch einige Milliarden Jahre.

Frankreich 29.09.2016: Camping de la Dune, 2. Tag
2017 © Peter E. Burkhardt
Das Ende des Tages

Mit dem Verschwinden des roten Balls hinter der fernen Wolkenschicht über dem Meer saß ich im Sand und hing meinen Gedanken nach. Unfähig aufzustehen hallte mir im Kopf das Klatschen der Leute nach, das dem Sonnenuntergang galt. Es war wie ein als Ohrwurm bezeichneter Schlager, so durchbrach das wie in weiter Ferne geborene Klatschgeräusch meine eigene Reflexion auf das Verschwinden des letzten Sonnenlichts.

Und wieder ging es mir durch den Kopf: Alles ist vergänglich, so auch das Licht dieses Tages. Was bleibt, ist das Jetzt in der Hoffnung auf den nächsten Tag, ohne sich aber in der Hoffnung zu verlieren. Wer nur hofft, ist genauso gefangen, wie derjenige, der nur zurückdenkt. Beides bindet die Gedanken und läßt weniger Raum für das Jetzt. Also lasst uns, notfalls auch mit Tränen, Freud und Leid des Jetzt erleben, es kommt kein zweites Mal.

Warum wohl haben die Leute geklatscht? Später habe ich irgendwo gelesen, das sei auf dieser Düne immer so. Intuitiv würde ich eher zum Sonnenaufgang klatschen. Oder ist das Ganze ein Theaterstück, bei dem die Leute auch erst am Ende klatschen? Man freut sich, wenn der Vorhang aufgeht und die Schauspieler kommen. Sie müssen kommen, man hat ja schließlich dafür bezahlt. Aber dann will man etwas sehen. Honoriert wird am Ende, deshalb der Beifall.

Aber der Tag ist doch kein Theaterstück, schon garnicht eine Show. Die Sonne sendet ihre Strahlen nicht, um uns zu gefallen. Und einen Preis hat sie sowieso nicht. Sie schien und wärmte schon, als wir noch nicht da waren. Sie wird auch weiter ihre Arbeit tun, selbst wenn wir Menschen wieder von dieser Erde verschwunden sind. Sie braucht unser Klatschen nicht. Es ist eine Handlung, die höchstens uns selbst nützt.

Mir wurde kalt. Nur noch ein heller Streifen markierte den Horizont, wo sich Meer und Himmel treffen. Das schmale Wolkenband war nicht mehr da. Klar grenzte sich jetzt das dunkle Wasser vom schwachen Schein der verschwundenen Sonne ab. Langsam tauchte ein Stern nach dem anderen an der zunehmend schwarzen Kuppel auf. Die Düne war nur noch als Silhouette zu erkennen. Auf der vorgelagerten Sandbank glimmten zwei schwache Lichter. Oder vielleicht war es auch ein festgemachtes Boot. Im Norden und auf dem Cap Ferrét markierten die Lichtpunkte der Häuser das flache Ufer.

Ich hatte Mühe, Stativ und Kamera ordentlich zu verstauen, da der Mond sich im Osten hinter Wolken versteckt hielt. Außer einem Pärchen weit unten am Meer hatten sich alle Theater­besucher entfernt. Ihre Show war zu Ende. Meine Gedanken hingen am Vergehen, als wenn es mein letzter Sonnenuntergang gewesen wäre. Den doch recht langen Weg zurück nahm ich kaum war. Vor mich hin stapfend schob sich ab und zu wieder der Klatsch-Ohrwurm in den Vordergrund.

Ja, schön war der Tag und des Klatschens würdig. Nein, es würde nicht der letzte sein! Also genieße auch diesen Marsch, dachte ich. Mir war inzwischen warm geworden, sehr warm sogar. Ohne darauf zu achten, hatte ich es plötzlich eilig. Die Treppe hinunter fand ich zwar, ließ sie aber links liegen (im wahrsten Sinne der Worte). Es war sicherer und bequemer, schreitend im Sand hinunter zu schieben. Die Stufen hätte ich sowieso nicht mehr erkannt.

Der Campingplatz spendete ein wenig Helligkeit. Einzelne Wegbeleuchtungen brannten, ganz vereinzelt war Licht hinter einem WoMo-Fenster zu sehen. Auch das polnische Ehepaar war noch wach. Mich zog es unter die Dusche. Das warme Wasser würde mir gut tun. Hunger hatte ich auch wieder.

Die Nacht war lau, ein Grund also, sie noch etwas zu genießen. Beim Cappuccino bekam ich an meinem Freilandtisch Besuch. Der Pole hatte wohl Lust, noch ein wenig zu schwatzen. Seine Frau hatte den Fernseher an. Morgen würde vom Norden die Regenfront kommen, meinte er.

Meinen Plan, trotz der schlechten Aussichten zur Insel Mont-Saint-Michel zu fahren, fand er gut. Am Atlantik würden Wolken schneller wieder abziehen als anderswo. Hoffentlich hat er Recht, dachte ich. Vor der Klosterinsel könne man auf einem großen Parkplatz auch gut im Auto übernachten. Er wäre mit seinem Wohnmobil schon dort gewesen. Das war für mich eine gute Info. Überhaupt sei der Besuch lohnenswert.

Langsam fiel kühle Luft vom Meer die Düne herunter. Der Mond half mir mit seinem fahlen Schein, den Tisch aufzuräumen und alles im Auto zu verstauen. Auf keinen Fall durfte ich irgendetwas Fressbares liegen lassen. Der Besuch letzter Nacht sollte sich nicht wiederholen. Es war halb zwölf, als ich in den Schlafsack kroch.

Frankreich 30.09.2016: Camping de la Dune – Aire de Repos (Nozay)
2017 © Peter E. Burkhardt

Fr 30.09. – Camping de la Dune, Bordeaux, Nozay

Route 30.9.2016 (487 km)

Camping de la Dune > Ri Bordeaux A660/A63 > A630 O-Umfahrg. Bordeaux > A10 Ri Saintes > Abzweig Angoulême (N10/E606) > Bressuire > Cholet > Nantes > Aire de Repos (2 km vor Nozay, N137/E3, etwa 30 km nach Nantes)

Start in Richtung Klosterinsel

Der Vormittag war fast weg, erst 10.30 Uhr passierte ich die Schranke des Zeltplatzes. Nach einer ruhigen Nacht zog sich mein Frühstück hin, diesmal mit frischem Baguette vom Zeltplatz­laden. Heute war eigentlich der letzte Zeltplatz-Öffnungstag. Da aber in der Folgewoche noch eine Gruppe junger Leute kommen würden, hätte ich auch noch länger bleiben können.

Die 3 Nächte haben mich 45 Euro gekostet (mit Staub). Das war es mir wert. Vor allem Dusche und geschütztes Parken sind wichtig, abgesehen von der Nähe zur Düne und den diversen Bekanntschaften, die man machen kann. Ich kann den Campingplatz empfehlen, zumindest bezogen auf meine Bedürfnisse. Die Polen sind schon kurz nach 9 Uhr weg, da saß ich noch in der Morgensonne beim Frühstück. Gute Fahrt! Meine Website-Adresse hat er. Vielleicht meldet er sich einmal.

Erwähnen muss ich, dass ein Müllkübel am Sanitärhaus wieder umgekippt war. Die Sau (oder mehrere) war also wieder da. Gehört hatte ich diesmal nichts.

Vor mir lagen nun 656 Kilometer bis zur Klosterinsel (lt. Navi). Ich zweifelte schon jetzt, ob ich noch heute ankommen würde. Einen Supermarkt musste ich auch noch besuchen, die Speisekiste war fast leer. Bei Ankunft hätte ich sowieso nicht auf die Insel gekonnt, sowas muss man früh angehen. Ich musste also vorher noch übernachten. Dass die Fahrt mit Stau und Tankproblemen gespickt war, wusste ich noch nicht.

Einkauf bei Lidl

An der A660 nach Bordeaux hatte ich bei der Herfahrt einen Lidl gesehen. Das war im Augenblick mein vorläufiges Ziel.

Nach etwa 13 Kilometern sah ich schon linker Hand das Lidl-Schild. Ich musste die Ausfahrt nach Gujan-Mestras nehmen, das zwischen der A660 und dem Arcachon-Becken liegt. Der Supermarkt befindet sich direkt an der Autobahn im Gewerbegebiet von Gujan-Mestras (Adresse: Lidl, Avenue de Césarée, 33470 Gujan-Mestras) (44.61511, -1.07612).

11.30 Uhr stand auf dem Kassenzettel. Weintrauben, Wasser und einiges mehr hatte ich nun wieder genügend. Auf dem Zeltplatz war das Wasser leicht chlorhaltig und deshalb für den Kaffee nur bedingt nutzbar. Der Lidl ist ziemlich groß, dafür waren aber nur 2 Kassen besetzt bei riesigem Andrang. Auch die Franzosen scheinen Freitags alle einzukaufen. Dazu kommt, dass die Franzosen offensichtlich Zeit haben, mehr als man das von den deutschen Kassiererinnen gewöhnt ist.

Beim Kunden vor mir war der Stuhl erst einmal leer. Die Kassiererin lief hinter bis in die letzte Ecke der Halle und schaute nach einem Käse­preis. Telefonisch konnte man das nicht erledigen, oder? Vielleicht war einfach kein Personal verfügbar. Obwohl, an den Backöfen hatte ich ein Mädel gesehen. Frisch gebackene Fruchttaschen hatte ich natürlich auch mitgenommen, die kannte ich noch vom Lidl in Portugal.

Trotz des Lidl-Aufenthalts, um 12.18 Uhr war ich schon auf der Bordeaux-Ostumfahrung, um dann auf der A10/E606 Richtung Paris fahren zu können. Es war wie zu erwarten: viel Verkehr. Die drei Fahrspuren waren voll, aber es ging recht zügig vorwärts. Hoffentlich würde es ruhiger werden.

Spritverbrauch

Im weiteren Verlauf gab es keine Probleme, die Sonne schien, der Bordcomputer zeigte 22°C. Der Verkehr hatte nachgelassen. Ich konnte mit 90 km/h dahintrudeln. Es ist schon erstaunlich, dass der 3-Zylinder-Dacia-Benzin-Motor (eine Neuentwicklung von Renault) bei vorsichtiger Fahrweise nur 4,1 Liter auf 100 Kilometer braucht.

Erst wollte ich dem Bordcomputer nicht glauben. Später hat sich aber mit Hilfe der Tank­quittungen bestätigt, dass über 10.000 Kilometer gemessen bei meiner sparsamen Fahrweise der Durchschnittsverbrauch unter 4,5 l/100km liegt. Mit dem Omega Caravan brauchte ich das Doppelte, allerdings war er auch fast doppelt so schwer und etwas größer, aber eben nicht doppelt so groß.

 

Frankreich 30.09.2016: Camping de la Dune – Aire de Repos (Nozay)
2017 © Peter E. Burkhardt
Rast auf dem Aire de Maine-de-Boixe EST

Es war kurz vor 15.00 Uhr, Kaffeezeit. Quark­tasche, Brot, Würstl, Kaffee und Wasser — ich war danach satt und zufrieden. Die Sonne meinte es nicht mehr so gut mit mir. Von der Regenfront war aber weit und breit noch nichts zu spüren. Doch der Wind hatte sich verdächtig rar gemacht. Windstille ist immer ein Zeichen für kommenden Wetterwechsel.

Ich stand auf dem Parkplatz Aire de Maine-de-Boixe EST an der N10 (eine französische Autostraße) etwa 20 Kilometer nach Angoulême. Es ist ein gut ausgebauter 24-Stunden-Parkplatz mit großem LKW-Parkplatz und viel Wald, auf dem man auch im Auto übernachten kann. In Deutschland kenne ich so etwas an einer Bundes- bzw. Autostraße nicht. Allerdings waren die fran­zösisch-typischen Steh-Toiletten eine Katastro­phe. Auch hier ist wahrscheinlich Reinigungs­personal eine Mangelerscheinung geworden.

Trotz der günstigen Übernachtungsbedingungen konnte ich nicht bleiben. Bis zur Klosterinsel waren es noch 445 Kilometer, für das Autobett also noch viel zu früh.

Meine durchweg guten Erfahrungen beim Autofahren in Frankreich hatten sich auch hier wieder bestätigt. Die Straßen sind gut, es gibt überall viel Platz, Rastplätze sind reichlich vorhanden, und die Franzosen haben es nicht ganz so eilig wie die Deutschen.

Aire de Maine-de-Boixe EST (47.84649, 0.18918)

Etwas zu Essen braucht der Mensch

Mein Ego sagt: Der neue Hut steht mir ausgezeichnet.

Viel Platz und auch Wald zur Übernachtung

Hinter den Büschen ist die N10 (nicht sichtbar)

Frankreich 30.09.2016: Camping de la Dune – Aire de Repos (Nozay)
2017 © Peter E. Burkhardt
Tankprobleme, Stau und Regen

Südwestlich von Poitiers führte mich das Navi auf oft schmalen Straßen über viele Dörfer. Ich kam durch Lusignan, Benassay, Vasles, Saurais und in Parthenay schließlich auf die N149 Richtung Bressuire. Das mautfreie Fahren kann eben auch kleine Nachteile haben. Mehrfach hatte ich versucht zu tanken. Einmal war mit Bon im Dorfmarkt zu bezahlen, ein anderes Mal musste man irgendetwas eintippen. Französisch kann ich nicht und so musste ich weiter hoffen, bald an eine Tankstelle mit Personal zu kommen.

Um 17.41 Uhr hatte ich noch 273 Kilometer bis zur Insel. Zum Tanken war es höchste Zeit, hoffentlich war an dieser Autobahn eine Möglich­keit. Die Überlandfahrerei hatte ein Ende. Ab und zu regnete es stark. Meine Hoffnug war, dass Saint-Michel nicht buchstäblich ins Wasser fällt. Zwischen Cholet und Nantes kam es dann, wie ich es mir eigentlich nicht wünschte: strömender Regen und fast leerer Tank. Den 9-Liter-Kanister habe ich immer dabei, allerdings ganz unten im Reserverad. Ich war schon im Großraum Nantes. Im starken Verkehr auf einer Autobahn wegen Spritmangel auf dem Randstreifen anhalten zu müssen, ist nicht meine Sache. Man sollte dies sowieso unbedingt vermeiden. Ich musste von der gut ausgebauten E62 abfahren und den Reservekanister bemühen.

Das Freipacken über der Reserveradklappe gestaltete sich nicht so einfach. Zwar hatte der Regen etwas nachgelassen, aber das Gepäck musste raus. Ich war auf einem Parkplatz eines Restaurants gelandet. Auf der angrenzenden Wiese konnte ich die Sachen abstellen, musste sie aber zudecken, denn das Auslaufen eines 9-Liter-Kanisters dauert seine Zeit. Zum Glück habe ich für solche Gelegenheiten eine wasserfeste Zeltabdeckung dabei.

Mit Hilfe des Navis ermittelte ich die nächste Tankmöglichkeit, keine 8 Kilometer vom aktuellen Standort. Wer kann das wissen? Allerdings wäre ich das Risiko, ohne Benzin nachzufüllen zur Tankstelle zu fahren, trotzdem nicht eingegangen. Nicht alle Tankstellen haben durchgehend auf und mein Navi sagt mir die Öffnungs­zeiten nicht.

Das Navi führte mich zur Elf-Tankstelle in Ver­tou, einem Vorort von Nantes. Es war 19.10 Uhr.

Sonnenuntergang im Stau

Die Nantes-Nordumfahrung war voll, am Freitag kein Wunder. Auf der N137/E3 Richtung Rennes lugte die tiefstehende Sonne am unteren Rand der fast schwarzen Wolkenmasse hervor. Sie stand im Westen über dem nahen Meer mit rotgelbem Horizont. Die Wolken wurden jetzt gewissermaßen von unten angestrahlt, ein unbeschreiblich schönes Schauspiel. Schwefelgelb brachen sich die Strahlen am Regendach und tauchten die Landschaft um mich herum in ein surrealistisch anmutendes Märchenland. So oft wie ich konnte sah ich mich um und links hinüber. Die Bäume waren auf der einen Seite nachtschwarz, auf der anderen Seite wurden sie vom gelbroten Licht angestrahlt. Das Ganze sah aus wie eine mit Scheinwerfer beleuchtete Bühnendekoration. Unglaublich!

Der Verkehr wurde wieder dichter und kam schließlich ganz zum Erliegen, Stau. Nun hatte ich Zeit, den Sonnenuntergang in aller Ruhe zu beobachten. Es war inzwischen 20 Uhr geworden. Das Farbenspiel dieses Sonnenuntergangs war prachtvoll. Von saharagelb über rosa, rot, gelb und türkis war alles zu sehen. Der Stau zog sich in die Länge.

Das Navi, obwohl mit dem aktuellen Verkehrs­dienst verbunden, meldete keinen Stau. Die Ursache konnte ich nicht entdecken. Zumindest auf meiner Strecke war auch später kein Unfall oder eine Baustelle zu sehen.

Nachtruhe im Regen

Erst nach fast 2 Stunden ging die Fahrt langsam, dann zügig weiter. Es war natürlich schon stockdunkel, kein Mond, keine Sterne, und ich selbst war hundemüde.

Ein Parkplatz musste her, und der kam. Bei fast strömendem Regen kurvte ich in die hinterste Ecke, weit weg von einigen weiter vorn parkenden Autos. Mit (fast) nichts an, rubbelte ich mir im nachlassenden Regen die Anstrengung der Fahrt vom Leib. Diese Abendwäsche tat gut. Mit Jogginganzug und eingemummelt im Schlafsack verließ ich dank des monotonen Dachge­trommels schnell das irdische Dasein.

Stunden später streifte ein Scheinwerferlicht mein Gesicht, dann war wieder Finsternis und Ruhe. Der Regen hatte aufgehört.

 

 

Frankreich 01.10.2016: Aire de Repos (Nozay) – Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt

Sa 01.10. – Nozay, Rennes, Mont-Saint-Michel

Route 1.10.2016 Aire de Repos (Nozay) bis Mont-Saint-Michel (157 km)

Parkplatz Aire de Repos (Nozay) > N137 bis Rennes Süd > N136 Ostumgehung Rennes > A84/E3 Ri Norden Liffré > D976 > D43 Courtils > D275 bis Mont-Saint-Michel Parkplatz la Jacotiére Ardevon

Vogelrettung auf dem Aire de Repos

Am Morgen weckte mich Vogelgepiepse, kein Gesang. Ein junger Vogel war wohl zu nass geworden. Er hockte im nahen Brombeergebüsch und "weinte" fürchterlich, fast wie um Hilfe schreiend. Doch meine Zähne und der morgendliche Gang hatten Vorrang. Er würde schon noch durchhalten. Ich wusste nicht, ob ich ihm überhaupt hätte helfen können. Eine warme Erbsen­suppe und dazu Kaffee brauchte ich selbst dringendst. Der Regen hatte aufgehört. Der neben dem Auto stehende Müllkübel musste als Früh­stücks­tisch herhalten. Meinen Standort zu wechseln hatte ich keine Lust, obwohl weiter vorn Sitzgruppen waren. Mein Klappstuhl reichte.

Beim Essen machte sich das Vögelchen wieder bemerkbar. Ich grapschte das glitschnasse Häufchen mit Mühe aus der Hecke, nicht ohne mich an den Stacheln zu verletzen. Doch das merkte ich erst später. Die Art des Vogels kenne ich nicht, er war etwa so groß wie eine junge Amsel, hatte aber seltsam braun-schwarz-gelbes Gefieder und einen recht langen Schnabel.

Noch liegt bleierne Nässe über dem Aire de Repos.

Mit dem Tag kam die Sonne, der Vogel war gerettet.

Was nun? Behutsam untersuchte ich Flügel und Beine, konnte aber keine Verletzungen oder einen Bruch entdecken. Das klatschnasse Federvieh mit seinen ängstlichen schwarzen Augen in der Hand haltend überlegte ich erst jetzt, was zu tun sei. Er piepste nicht mehr. Ihm schien es in meiner warmen Hand zu gefallen. Da fiel mir meine Wintermütze ein. Es war garnicht so einfach, sie aus den Tiefen meines permanent im Auto liegenden Kleidungsvorrates mit einer Hand herauszuwühlen. Ich steckte den kleinen Kerl in die kuschlige Mütze und zog die Bänder der Ohrklappen soweit wie möglich zu. Federvieh trocknen geht nicht, man kann keinen Vogel abrubbeln. Was sollte ich also tun, um die Nässe aus den Federn zu bekommen? Einen Fön benutze ich nicht und habe ich nicht.

Mir blieb nichts anderes übrig, als das nasse Elend so gut wie möglich mit der Hand zu wärmen. Ich zog also die Ohrklappen auch noch über meine linke Hand und band alles fest. Das Ding samt Vogel sah nun wie ein Boxerhandschuh aus. Mir kam in den Sinn, manche Leute sollen ja einen Vogel unter dem Hut haben, da sie ihn höchst selten abnehmen. Ich hatte eben den Vogel in der Hand (Man sagt auch: Besser als die Taube auf dem Dach.). Frühstück beenden und Aufräumen musste ich mit der rechten Hand machen. Die Jogginghose gegen die Jeans tauschen ging aber garnicht.

Seltsam, das Lebewesen in meiner Hand war recht ruhig geworden. Ich hatte zwischenzeitlich den abziehenden Wolken nachgeschaut, die steigende Sonne im Osten brachte den blauen Himmel mit. Vorsichtig, es war vielleicht eine halbe Stunde vergangen, öffnete ich meine Hand etwas. Die Federn fühlten sich etwas trockener an. Sofort begann die Piepserei erneut, jetzt aber nicht mehr so ängstlich. Scheinbar wollte auch das Vögelchen den Tag neu beginnen. Versuche, einige Brotkrümchen aufpicken zu lassen, schlugen fehl. Der Vogel wurde immer aufmüpfiger und verlangte nach Freiheit. Seine Kräfte schienen zurückgekehrt zu sein.

Nicht ohne ihm alles Gute zu wünschen entließ ich den kleinen Kerl. Er konnte sogar fliegen, weg war er. Ich war zufrieden. Wenigstens eine gute Tat soll man jeden Tag tun. Das war also erledigt.

Frankreich 01.10.2016: Aire de Repos (Nozay) – Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Der Parkplatz Aire de Repos

Der Parkplatz Aire de Repos an der N137 ist nur bedingt für eine Übernachtung geeignet. Es gibt zwar wie in Frankreich üblich ein Toilettenhäusl und auch einen extra Parkraum für große LKWs, auf der weiträumigen Fläche stehen aber kaum Bäume. Nur 100 Meter hinter dem Parkplatz liegt die kleine Siedlung La Rinais. Vom Parkplatz in nördlicher Richtung sind es auf der N137 etwa 2 Kilometer bis zum Städtchen Nozay. Der Rastplatz auf der gegenüberliegenden Seite in südlicher Richtung heißt Aire de Puceul.

Doch in der Nacht sind alle Katzen grau, d.h. man kann nicht sofort einschätzen, ob ein Rastplatz geeignet ist. Ich war froh, gestern bei Regen und in der Dunkelheit überhaupt einen geeigneten Parkplatz zu finden. Einige Kilometer vorher in der Peripherie von Nantes hatte ich versucht, auf einem kleinen Parkplatz einen geeigneten Schlafplatz zu finden, aber vergebens. Einerseits war der Platz fast voll und die Nähe des noch freien Platzes zur Toilette schmeckte mir überhaupt nicht. Es wäre bestimmt wegen der Beleuchtung eine unruhige Nacht geworden.

Es ist immer die Frage, zur Übernachtung in einem hell erleuchteten Bereich parken, wo auch ständig Leute unterwegs sind, oder lieber in einer hintersten dunklen Ecke möglichst ungesehen parken. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Ich bevorzuge trotzdem Letzeres.

Weiterfahrt zum Mont-Saint-Michel

Natürlich hat mich die ganze Rettungsaktion vielleicht eine Stunde gekostet. Aber was ist schon eine Stunde gegen ein Vogelleben? Für die restlichen 143 Kilometer bis zur Klosterinsel würde ich nicht lange brauchen. 10 Minuten nach 9 fuhr ich vom Platz, vorraussichtliche Ankunftszeit 11 Uhr.

Sonne im Herzen und am Himmel, Enyas Song "Ein Tag ohne Regen" vom Stick, trockene Auto­bahn, wenig Verkehr und die Vorfreude auf Kommendes veranlassten mein biologisches Regelsystem, Glückshormone zu verteilen. Mike Batts Songs aus "Caravans" taten ihr Übriges. Ich hatte ein Hochgefühl von Freiheit und Ent­deckerdrang. So müssen sich vor vielen tausend Jahren die Urahnen gefühlt haben, wenn sie neue Jagdgebiete entdeckten. Ich war gespannt, was mich heute erwarten würde.

Aire de Repos morgens am 1.10. (47.53185, -1.63513)

Regen adé, die Sonne schiebt über die letzten Wolken.

Auf dem Navi steht: noch 135 km, Ankunft um 11.00 Uhr.

Sehr wenig Verkehr, eine schöne Fahrt bei super Musik vom Stick. Ich habe meine Lieblingssammlung immer dabei, geordnet nach Genres zum Genuss je nach Stimmung und Situation.

Es war kurz nach 10 Uhr, da erschien zum ersten Mal die schwarz-weiß-karierte Flagge auf dem Navi. Sie zeigt das Ziel an, nur noch 61 Kilometer bis zum Mont-Saint-Michel.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt

Sa 01.10. – Mont-Saint-Michel

Weg zum Mont-Saint-Michel

Es war Samstag, der 1.10.2016 um genau 11.02 Uhr. Zum ersten Mal erblickte ich die Silhoutte der Klosterinsel Mont-Saint-Michel. Vielen mag der Anblick vertraut sein, ich aber hatte überhaupt keine Vorstellung. Da mein ursprüngliches Ziel viel weiter im Südwesten Europas lag, nämlich das "Ende der Welt" mit dem kupfernen Pilgerschuh des Jakobsweges, hatte dieses "Wun­der des Abendlandes" bei den Recherchen im Vorfeld der Reise überhaupt keine Rolle gespielt. Nun lag das hoch bebaute Felsmassiv vor mir, von weitem klein und doch dominant unübersehbar in der flachen Ebene. Erst mit dem Zoom der Kamera konnte ich Einzelheiten erkennen.

Ich habe die Parkmöglichkeit auf der D275 gegenüber einem Landgut genutzt, um diesen An­blick zu genießen. Schon auf den letzten Kilome­tern hatte ich Ausschau nach einer Übernach­tungsmöglichkeit gehalten, hier wurden "Cham­bres" ab 50 Euro pro Nacht (2 Personen) angeboten. Weitere Schilder sollten folgen. Doch erfahrungsgemäß steigen die Preise, je näher das Objekt an der Touristenattraktion liegt. Schnell verwarf ich den Gedanken, hier zu übernachten.

Erster Blick auf den Mont-Saint-Michel, Entfernung 7 km

Dieses Landgut (Bauernhof) ist zum Gästehaus ausgebaut.

Zimmer (Chambres) zu vermieten (48.62236, -1.45227)

Der große Parkplatz, auf den der Pole verwiesen hatte, entpuppte sich als riesige relativ neu angelegte Parkfläche weit vor dem Ufer gegenüber der Klosterinsel. An Übernachtung im Auto war überhaupt nicht zu denken. Ich war mir auch nicht mehr sicher, ob er diesen Parkplatz gemeint hatte. Wie ich später feststellte gibt es noch ein "Camping du Mont-Saint-Michel", der mit Wasser- und Stromanschlüssen für Wohnmo­bile und damit fürs Übernachten geeignet ist.

Der Mont-Saint-Michel gibt die Richtung vor.

Mont-Saint-Michel vom Parkplatz aus fotografiert

Nach dem Ziehen des Tickets öffnete sich die Schranke. Preise habe ich nicht gesehen, auch war weit und breit keine Zahlstation. Ich machte einfach, was alle taten: Auto hinstellen und in Richtung Westen laufen, wo die Zugangsstraße zur Insel sein musste.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Mit Bus, Kutsche oder zu Fuß zum Mont

Auf dem mittleren P stand mein Auto (48.61242, -1.50355).

Vom Parkplatz bis zur Insel sind es etwa 3,5 Kilometer.

Prinzipiell kann man mit dem Shuttle-Bus, mit einer der vielen Pferdekutschen, oder auch zu Fuß zur Insel gelangen. Darüber hinaus ist es möglich, sich ein Pferd oder ein Fahrrad zu leihen. Allerdings weiß ich nicht, wo das Pferd oder auch das Fahrrad bleiben soll, wenn man die Insel besucht. Die halbe Insel ist als Festung von einer Mauer mit Türmen umgeben. Zur Insel dürfen keine Privatautos fahren, nur die Busse bzw. Lieferanten und Angestellte.

Die beiden obigen Fotos einer Info-Tafel zeigen die Verhältnisse vor Ort. Im rosa Bereich fahren die Busse und Kutschen ab (La Place des Navet­tes). Das große Info-"i" bezeichnet einen modernen Neubau mit Informationsstand, Museum usw. Daneben (die blaue Quadratreihe) sind die Zahlstationen für die Parkplatzgebühr (Caisses de paiement). Weiter oben im grauen Bereich sind einige Restaurants, Hotels und auch der schon erwähnte Campingplatz.

Der linke blaue Streifen ist der kanalisierte Fluss Couesnon, über den mittels eines verschließbaren Tores (Wehr) der Wasserzulauf zum Meer in Abhängigkeit der Gezeiten geregelt wird. Da­durch soll der Versandung der Mont-Saint-Michel-Bucht entgegengewirkt werden. Der ober­ste schwarze Pfeil kennzeichnet den Weg bzw. die Straße zur Insel entlang des Flusses.

Im rechten oberen Bild ist die Bucht mit Insel dargestellt. Bei Ebbe ist zwischen Insel und Festland kein Wasser, nur Sand (ähnlich dem Watt an der Nordsee). Straße und Weg führen über eine Brücke bis zur Insel.

Weg vom Parkplatz zu den Bussen und Pferdekutschen

Die Kutsche (La Maringote) kostet etwas, der Bus ist frei.

Noch war ich frisch genug, die Kutsche nicht zu nutzen.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Restaurants, Hotels, Parkplatz und eine Kuhherde

Es ist vielfältig, was einem auf dem Weg zur Insel begegnet. Der ganze Komplex dient fast ausschließlich den herbeiströmenden Touristen. Ne­ben Infotafeln mit Fotos der näheren Umgebung gibt es vor allem Restaurants und Hotels. Bloß gut, dass alle Gebäude recht niedrig sind und so einigermaßen ins Landschaftsbild passen. Der Caravan-Parkplatz wird privat betrieben und hat alles, was man braucht. Die Preise kenne ich nicht, günstig dürften die Stellplätze nicht sein. Es gibt auch Zimmer zur Übernachtung im Haus.

Auf den Infotafeln sind teils sehr schöne Fotos zu sehen.

Parkähnliche Grünanlagen sorgen für ein angenehmes Ambiente und im Sommer für schützenden Schatten.

Restaurant und Brasserie. Im Sommer ist bestimmt viel los, ansonsten wären hier nicht so viele Gaststätten.

Wie überall sind auch hier die Preistafeln außerhalb.

Die Kutschfahrt ist sicher schön und auch vorteilhaft für ältere Leute. Besser finde ich aber den Weg zu Fuß.

Ein Raabe, oder ist es eine Krähe? Jedenfalls hielt der Vogel Wache und war neugierig auf jeden, der vorbeikommt.

Die erste Kuh steht vor dem Restaurant La Bergerie.

Ungewöhnlich sind die aufgestellten bunten Rinder aus Plastik. Ob man so ein Vieh auch kaufen kann, weiß ich nicht. Der Sinn dieser Art von Skulpturen erschließt sich mir nicht. Wahrscheinlich ist es eine Ausstellung (Exposition Cow Parade). Auf jeden Fall ist alles recht farbenfroh und dürfte besonders Kindern gut gefallen.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Les Galeries du Mont-Saint-Michel
Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Essen, Trinken, Parken und Schlafen — alles ist möglich
Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Fußweg zur Insel

Ein ganzes Stück führt der Fußweg auf dem Uferdamm entlang. Die Straße für Busse und Kutschen ist rechts daneben.

Das Wehr reguliert das Wasser abhängig vom Tidenhub.

Zu Fuß 2.300 Meter in 35 Minuten bis zur Insel steht auf dem Schild. Das Foto ist sicherlich am Ende der Flut aufgenommen worden, denn sonst führt das kleine Flüsschen Couesnon nicht so viel Wasser. Die Uferdämme müssen den Tidenhub, der manchmal bis zu 15 Metern betragen kann, aushalten können.

Shuttle-Buss (Passeur) zur Insel (kostenlos)

Die Shuttle-Busse sind Zweirichtungsbusse, d.h. sie haben vorn und hinten ein Führerhaus. Dadurch entfällt das Wenden auf dem Vorplatz der Insel. Dort ist bei Flut sowieso kein Platz.

Am Ende des Festlandes ist links das Wehr mit den Wassertoren zu sehen. Bei Flut lässt die Sperre das Meerwasser ins Flußbett fließen. Damit möglichst viel Meerwasser aufgenommen werden kann, wurden Uferdämme aufgeschüttet. Dann wird das Wehr geschlossen. Zeitverzögert öffnen sich die Tore wieder, um bei Ebbe das Meerwasser kontrolliert wieder zurückfließen zu lassen. Dabei wird Sand zurück ins tiefere Meer getragen und somit die Insel im Laufe der Zeit freigespült.

Die Besichtigung der Anlage sparte ich mir für den Rückweg auf. Jetzt wollte ich erst einmal zur Insel. Meine Neugierde war groß.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt

Geschichte des Mont-Saint-Michel

Ursprung der Felseninsel

Im Erdaltertum war die Gegend vor über 500 Millionen Jahren ein Schiefergebirge mit Granit­einlagen. Im Laufe der Zeit schliff sich der Schiefer ab, nur einige Granitspitzen trotzten der Erosion. Das Ende der letzten Eiszeit ließ die Meere anschwellen, so dass vor einigen Jahrtausenden mehrere Inseln entstanden, darunter die später bebaute Felseninsel, auch die 3 Kilometer nördlich davon liegende Insel Tombelaine und der heute im Moor liegende Mont-Dol.

Die erste Bebauung wird auf das 8. Jahrhundert datiert. Damals wurde die Felseninsel Mont-Tombe genannt, was mit dem früheren Aussehen der Insel mit einem grabähnlichen Hügel zu tun hat (französisch "tombe"). Der Name Tombelaine der kleineren Insel ist eine sprachliche Verkleinerungsform von Tombe. Auch diese Insel hat die Form eines Grabhügels.

Eines Tages wird das Gras im Vordergrund wieder verschwunden sein. Durch das raffiniert funktionierendes Wehr wird die Felseninsel dann sein, was sie ganz früher schon immer war: eine Insel.

Wechselnde Herren

Die wechselvolle Baugeschichte ist eng verwurzelt mit den Herrschaftsverhältnissen im Laufe der Jahrhunderte. Der Mont-Saint-Michel war eine Festung Neustriens (Marche de Neustrie), gehörte nach 867 den Bretonen, ab 933 den Nor­mannen, war Benediktiner-Kloster ab 965 und wurde in den folgenden Jahrhunderten ständig ausgebaut und erweitert. Dazu gehören der Bau der zentralen Klosteranlage (1017 bis 1520) und der Bau der ersten romanischen Abteikirche (1023 bis 1084). Der Ausbau des Klosters im gotischen Stil erfolgte schon im 13. Jahrhundert durch Philippe Auguste, König von Frankreich.

In 1469 erfolgte die Gründung des Ritterordens Ordre de Saint-Michel mit Sitz in der Abtei.

Die Insel Tombelaine unweit vom Mont-Saint-Michel. Bei Ebbe kann man hin und wieder zurück laufen.

Der Mont-Saint-Michel wurde von den Engländern von der kleinen Insel Tombelaine aus belagert (1423 bis 1434), aber nie völlig eingenommen. Allerdings wurde das Dorf am Fuße der Abtei durch die Artillerie weitgehend zerstört.

 

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Niedergang des Klosters und Gefängnis

Im 15. Jh. begann der Niedergang des Klosters. Ernannte Äbte mussten nicht mehr dem Klerus entstammen. Das Kloster wurde nun von weltlichen Klosterherren vom Festland aus regiert. Die Pilgerzahlen gingen im 16. und 17. Jh. zurück und die Einnahmen verringerten sich drastisch. Viele Gelehrte des aufkommenden Humanismus verurteilten die Heiligen- und Reliquien-Ver­ehrung des Mittelalters. Zum Ausgleich mussten die Schätze der Abtei herhalten. Die bauliche Instanthaltung kam zum Erliegen. Schäden an der Klosteranlage wurden nicht mehr repariert.

In Folge der Reformation und der Französischen Revolution (1789 bis 1799) ging es mit dem Mont-Saint-Michel weiter bergab. Die Benediktiner verließen 1790 das Kloster und kehrten erst 1969 zurück. Die Abtei wurde im Zuge der Französischen Revolution von 1793 bis 1863 zum Massen-Gefängnis, trotz des bedenklich schlechten baulichen Zustands. Zeitweise waren in den hohen Kirchenräumen auf 3 Etagen bis zu 600 Mann untergebracht. In fast 70 Jahren sollen so 14 bis 15 Tausend Gefangene ihr erbärmliches Dasein gefristet haben, oft nur kurz wegen der in Ge­fangenschaft geringen Lebenserwartung. Im Volksmund wurde der Berg "Mont Libre" genannt, das Gefängnis "Bastille de la Province".

1863 wurde das Gefängnis von Kaiser Napoleon III. aufgrund der landesweiten Empörung über die miserablen Haftbedingungen geschlossen.

Ich komme dem Bauwerk immer näher.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Es geht wieder bergauf

Das heutige architektonische Ensemble basiert auf den unterschiedlichen Baustilen der über 1200-jährigen Geschichte.

Die intensive Nutzung als Gefängnis bewahrte den Mont-Saint-Michel, zu einem immer mehr zerfallenden Steinhaufen zu verkommen, nachdem die Zeit als Benediktiner-Kloster vorbei war.

Schon um 1836 hatte die Romantik den Mont wiederentdeckt und machte den Mont-Saint-Michel im positiven Sinne bekannt. Den Grundstein legte der junge Architekt Eugène Viollet-le-Duc, der im Jahre 1835 den Mont-Saint-Michel besuchte und das ganze Ausmaß der Schäden des Bau­werks festhielt. Er und einige einflussreiche Zeit­genossen setzten sich mit Nachdruck für die Re­stauration ein.

Wenn eines Tages die Wiesen im Mündungsgebiet des Couesnon verschwinden, wird die Schönheit des restaurierten Bauwerks mit der Mystik des Mont im Meer zum Gesamtkunstwerk des Menschen für Gott vereint sein.

Das Bauwerk wurde als architektonischer Schatz erkannt und 1874 zum nationalen Denkmal (Monu­ment historique) erklärt. Es sollten noch 4 Jahre vergehen, bis man mit der Restaurierung begann. Mit großer Beharrlichkeit und hohem finanziellen Aufwand wurde in den folgenden Jahrzehnten nicht nur die Wiederherstellung, sondern teilweise auch der Um- und Neubau vorangetrieben. Das betraf sowohl die Abtei als auch das Dorf sowie die Befestigungsanlagen rings um die Insel.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Versandung der Insel

Die Zahl der Montois (Mont-Bewohner) ist auf ca. 40 geschrumpft — von über 11.000 im Jahre 1850, als die Abtei ein Gefängnis war. Heute ist das Dorf hauptsächlich für die jährlich über 3 Millionen Touristen da.

Im März 2015 war der Steg überflutet. Das Wasser ist besonders hoch, wenn Mond und Sonne in einer Linie stehen.

Große Fehler wurden im Umland der Insel gemacht, die in neuerer Zeit einer Korrektur bedurften. 1878 wurde eine Deichstraße gebaut, die Festland und Insel verband, um unabhängig von Ebbe und Flut den Besuch der Insel zu ermöglichen. Von 1901 bis 1944 gab es auf dem Damm neben der Straße sogar eine Schmalspur-Dampfeisenbahn. Die Umströmung der Insel war unterbrochen. Die Folge war eine noch stärkere Versandung der Inselbucht, wie sie schon vorher zwar langsam aber stetig im Gange war. Schon im 19. Jahrhundert wurden Deiche errichtet, um die natürlichen Salzwiesen in fruchtbare Folder zu verwandeln. Auch dadurch rückte das Festland immer näher an den Mont-Saint-Michel heran. Die Insel wurde gewissermaßen Teil des Festlands, zumindest bei Ebbe.

Seit 2001 ist die Korrektur dieser Fehler im Gange. Der Damm wurde entfernt und 2014 durch einen Stahlsteg ersetzt, der nun vom Meer unterspült werden kann. Gleichzeitig wurde ein Gezeitendamm an der Couesnon-Mündung gebaut, der in Verbindung mit einem steuerbaren Tor seit Juli 2014 ermöglicht, den Tidenhub zu nutzen, um die Bucht vor dem Mont-Saint-Michel wieder freizuspülen. So soll die Felseninsel im Laufe der Zeit wieder zur richtigen Insel werden.

Seit 1979 gehören der Mont-Saint-Michel und die Bucht zum Weltkulturerbe der UNESCO. Auch die kleine Insel Tombelaine steht unter Naturschutz, ist Vogelschutzgebiet und darf während der Brutzeit (März bis Juli) nicht betreten werden.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt

Wallfahrer, Pilger und Touristen

Traditionell ist der Mont-Saint-Michel schon immer ein Ort für Wallfahrer und Pilger, ab dem 19. Jh. auch für Touristen, gewesen. Während vom gemeinen Volk, das sich eine Pilgerreise zum Mont meist nur unter großen Anstreng­ungen leisten konnte, nur wenige historische Aufzeichnungen überliefert wurden, sind die Königsbesuche recht gut dokumentiert.

Eine japanische Besuchergruppe war so freundlich.

Ludwig IX. der Heilige

So unternahm zum Beispiel Ludwig IX. der Heili­ge im Jahre 1256 und im Jahre 1264 eine Wall­fahrt zum Mont-Saint-Michel. Dabei hat Ludwig der Heilige auf den Prunk und die Bequemlich­keiten des Gästesaals (neben dem Rittersaal) verzichtet. Der beim Königsbesuch festlich geschmückte Gästesaal war aufs Modernste ausgestattet. Er hatte schon damals Kamine zur Hei­zung und Latrinen für die Notdurft. Der König nahm aber seine Mahlzeiten zusammen mit den Mönchen im wesentlich einfacher ausgestatteten Refektorium ein. Ludwig der Heilige hatte übrigens die ersten wirklich wirksamen Festungs­anlagen des Mont errichten lassen.

Versiert hat er mich fotografiert und ein Video gemacht.

Weitere Monarchen, die den Mont besuchten

König Philipp III. der Kühne (in 1272), König Philipp IV. der Schöne (in 1311), König Karl VI. (in 1393 und 1394), König Ludwig XI. die Spinne (in 1462 und weitere), König Franz I. (in 1518 und 1532), Karl IX. (in 1562 kurz vor Ausbruch der Religionskriege) mit seinem Bruder (späterer König Heinrich III.).

Nicht immer trieben religiöse Motive die Könige auf die Insel, sondern es spielten auch oft handfeste machtpolitische Gründe eine Rolle. In einigen Fällen war es auch die vorübergehende Flucht vor Bedrohungen fremder Mächte.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt
Ursprung und Beweggründe der Wallfahrten

Schon in der Antike gab es im Nahen Osten Wallfahrten, davon zeugt auch die Geschichte der Heiligen Drei Könige. Diese Art der Entlastung der eigenen Seele an besonderen Orten dem Ruf Gottes folgend breitete sich zuerst über Europa und letztendlich über die gesamte religiöse Welt aus. So war es naheliegend, dass auch der Mont-Saint-Michel ein Ort der Heilsbringung wurde. Der Erzengel Michael, so glaubte man, würde den Pilgern das Tor zum Paradies öffnen. Die Felseninsel wird auch als "himmlisches Jerusalem" angesehen, da das wirkliche Jerusalem als Wohnsitz des einen und einzigen Gottes der Juden und Christen für die meisten Pilger unerreichbar war.

Unten mittig die kleine Eingangspforte zur Stadt und zur Abteikirche. Unten rechts der "Turm des Königs".

Der Vorplatz ist bei hoher Flut mit Wasser bedeckt.

Mont-Saint-Michel-Wege

In Europa führen 10 Pilgerwege zum Mont. Zwar sind diese nicht ganz so bekannt und bedeutsam wie die Jakobswege zum Heiligen Jakob nach Santiago de Compostela in Spanien, doch die Besucherzahlen des Mont sprechen eine eindeutige Sprache. Allein im Jahre 1368 kamen schon 16.690 Wallfahrer. Dabei war die Reise meist mehr als beschwerlich. Die Übernachtung in Klosterhospizen konnten sich nicht alle leisten. Überfälle, Krankheiten und sogar der Tod waren zu dieser Zeit ständige Begleiter der Pilger.

Früher war der Zugang zwischen den 2 Festungstürmen.

Pilgernde Stellvertreter

Ähnlich dem Ablass-Handel trieben auch beim Thema Wallfahrt viele Wohlhabende ihre vermeintlich besondere Stellung vor Gott auf die Spitze. Sie ließen "Stellvertreter", meist minder­bemittelte, aber anerkannt zuverlässige Men­schen, für sich pilgern, um sich nicht den Gefahren der Pilgerreise aussetzen zu müssen. Man sieht, schon damals konnte man sich alles "kaufen", sogar die Buse und den Schlüssel fürs Paradies. Es stellt sich die Frage, ob es heute (2019) wirklich gerechter zugeht.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt

Zugang zur Felseninsel

Das filigrane Stützwerk (rechts neben dem Kirchturm) zählt zu den schönsten Zeugnissen der Spätgotik.

Wegen Terrorgefahr werden viele Besucher kontrolliert.

 

Bei Ebbe stehen auch die Festungsmauern im Trockenen.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt

Stadt Mont-Saint-Michel mit Pfarrkirche

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt
Die Pfarrkirche

Ausblick nach Norden und Osten vom nördlichsten Wehrturm aus (Nähe Librairie Siloë)

Die Pfarrkirche aus dem 11. Jh. ist dem Heiligen Petrus gewidmet (Église Saint-Pierre). Sie steht unmittelbar an der oberen Hauptstraße der Stadt und quetscht sich wegen des beschränkten Platzes zwischen die anderen Häuser. Sie wurde mehrmals umgebaut und im 15. Jh. erweitert und aufgestockt. Selbst ein Teil der Straße wurde überbaut. Dadurch entstand eine kleine Gasse, die den mittelalterlichen Charakter der kleinen Stadt unterstreicht.

An der Außenwand ist die Statue der Madonna mit dem Heiligen Kind (15. Jh.) zu sehen. Die weibliche Figur mit Schwert neben dem Eingang kann ich nicht mit Sicherheit zuordnen. Es könnte die Heilige Anna aus dem 16. Jh. sein.

Im Inneren ist vor allem die 1877 feierlich gekrönte Silberstatue des Erzengels Michael mit dem besiegten Drachen bedeutsam. Als im 19. Jh. die Abteikirche nach dem Krieg von 1870 entweiht war, konnten die Pilger nur noch in der Pfarrkirche die Verehrung des Heiligen Michael zelebrieren.

Der Taufstein, wahrscheinlich das älteste Stück in der Kirche, stammt aus dem 13. Jh.

Hinter der Pfarrkirche gibt es einen kleinen Friedhof, den ich aber so wie auch die Kirche nicht besucht habe. Eigentlich wollte ich auf dem Rückweg in die Kirche, doch dazu war dann die Zeit zu knapp.

Die Pfarrkirche Èglise Saint-Pierre

Links: Wahrscheinlich die Heilige Anna, 16. Jh.
Rechts: Die Madonna mit dem Heiligen Kind, 15. Jh.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2017 © Peter E. Burkhardt
Aufgang zur Abtei
Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt

Die Abteikirche

Die Abteikirche ist, wie schon zu Beginn des 11. Jahrhunderts üblich, in Form eines Kreuzes gebaut. Dazu benötigt man eine glatte Plattform, die auf dem Fels nur mit geeigneten Unterbauten realisierbar war.

Der neuromanische Glockenturm der Abtei­kirche wurde wegen Baufälligkeit zwischen 1802 und 1897 neu aufgebaut. Der Giebel ist neugotisch, so wie auch die Turmspitze mit der St. Michaelis-Statue aus vergoldetem Kupfer.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt
Erzengel Michael, das Wahrzeichen des Mont-Saint-Michel

Die vergoldete Statue des Erzengels Michael thront seit 1897 in 160 Meter Höhe auf der kupferbedeckten Glockenturmspitze der Abteikirche. Die Statue wurde nun schon das zweite Mal restauriert (1987 und Mai 2016). Sie besteht aus Kupfer, ist 4,5 Meter hoch und wiegt etwa eine halbe Tonne. Sie wurde mit einem Hubschrauber positioniert. Es stellt sich die Frage, wie so ein Bauwerk damals erstellt werden konnte.

Die Statue wurde seinerzeit von der gleichen französischen Metallgießerei hergestellt, die auch die Freiheitsstatue in New York schuf.

 

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt
Legende des Bauauftrages

Der Erzengel Michael als Feldherr Gottes bezwingt den Rivalen Gottes, den drachengestaltigen Luzifer (Offenbarung des Johannes, Neues Testament). "Wer ist wie Gott?" soll der Feldherr den Widersacher angeherrscht haben, was auf Hebräisch soviel heißt wie "Mi-Ka-El". Der Diener Gottes und Bezwinger des Bösen wird zum Erzengel Michael.

Doch wie kommt der Sakralbau auf die Felseninsel? Dem normannischen Bischof Aubert von Avranches soll im Jahre 708 der Erzengel Michael im Traum erschienen sein. Der Engels­fürst Michael verlangte vom Bischof den Bau eines Sanktuariums (Heiligtum). Der Prälat fürchtete eine List Mephistos und zögerte mit dem Bau. Drei Mal erschien der Erzengel dem Bischof, ohne dass sein Wunsch in Erfüllung gegangen wäre. Erzengel Michael verlor die Geduld und forderte sein Heiligtum mit Nachdruck: Er bohrte dem Bischof den ausgestreckten Zeige­finger in den Schädel.

Bischof Aubert ließ daraufhin auf der Felseninsel das erste Heiligtum in Form einer Grotte bauen. Sie ähnelte einem Heiligtum in Form einer Höhle in Italien. Die frühere Legende besagt, dass der Heilige Michael einem Bischof auf dem Monte Gargano (Ort Monte Sant'Angelom in Apulien, Ferse des italienischen Stiefels) erschien und verlangte, dort ein Heiligtum zu schaffen. Daraus wurde später das bedeutendste Michaelis-Kloster in Italien. Bischof Aubert hatte also ein Vorbild für das neue Heiligtum auf dem Mont.

Um nun das Heiligtum auf dem Mont-Tombe zur Pilgerstätte werden zu lassen, schickte Bischof Aubert zwei Gesandte zum Michaelis-Kloster auf dem Mont Gargano in Italien. Sie sollten um ein paar Reliquien bitten. Die Italiener kamen dem Wunsch nach, und so kehrten die Gesandten mit einer Marmorplatte mit dem Fußabdruck des Erzengels Michael und einem Schleier des Erzengels Michael zum Mont-Tombe zurück. Den Schleier hatte der Erzengel bei einem Erden­besuch zurückgelassen. Wie wir wissen, ist der Mont-Tombe später zum Mont-Saint-Michel geworden.

Bischof Aubert sorgte also dafür, dass sein geschaffenes Heiligtum zur Pilgerstätte wurde. Eine Gemeinschaft, die sogenannten "Kanoniker", betreuten das neugegründete Kloster und bewirtschafteten die Ländereien, die dem Kloster vom Bischof zugesprochen worden waren.

Original-Beschriftung: L'archange Saint Michel apparait à Aubert, évêque d'Avranches.
Bas-relief réalisé en 1860 par le sculpteur Barré pour le tympan du portail sud de I'église abbatiale Pierre de Caen.

Erzengel Michael erscheint dem Bischof Aubert, Bischof von Avranches (im 8. Jh.).
Basrelief, das 1860 vom Bildhauer Barré für das Tympanon des Südportals der Abteikirche Pierre de Caen angefertigt wurde.

Der Heilige Bischof Aubert starb etwa im Jahre 725 und wurde auf dem Mont-Saint-Michel in seiner Kirche bestattet. Seine Gebeine wurden später im Jahre 1856 in die Kirche Saint-Gervais nach Avranches überführt.

Nach dem Tode des Bischofs Aubert wurde die Gemeinschaft der Kanoniker Opfer einer Intrige des ersten Herzogs der Normandie, der den Beinamen "Ohnefurcht" hatte. Herzog Richard I. bezichtigte die Kanoniker, sie frönten der Völlerei und Unsittlichkeit und seien zu weltlich gesinnt. In Wirklichkeit war aber dem Herzog die Verbindung der Kanoniker zu den Bretonen ein Dorn im Auge. Der Herzog wollte auf dem Mont-Saint-Michel einen zuverlässigen Abt haben, der sich deutlich von der Bretagne abgrenzte.

Ein gewisser Abt Maynard aus Saint Wandrille schien der richtige Mann zu sein. Abt Maynard folgte dem Orden des "Heiligen Benedikt". Fortan führte Abt Maynard mit 12 frommen Mönchen die Geschicke des Mont-Saint-Michel. Die Kanoniker mussten die Insel verlassen, ab dem Jahre 966 hatten die Benediktiner das Sagen.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt
Fleißige, fromme Benediktiner

Die Benediktiner bauten eine Kirche und weitere Gebäude. Das Jahr 966 gilt deshalb als Grün­dungsjahr der Abtei. Immer mehr Pilger fanden den Weg zum Mont-Saint-Michel. Sie mehrten durch ihre Spenden das Vermögen des Klosters, so dass auch aufgrund der erweiteterten Baumaßnahmen am Fuße der Abtei eine kleine Stadt entstand (Die Bewohner lehnen die Bezeichnung "Dorf" ab.). Die Pilgerhäuser waren aus Holz gebaut, was in der Mont-Geschichte die Ausbreitung von Bränden begünstigte. Einige Male beschädigten die Flammen sogar die aus Granitsteinen gebauten Klostermauern.

Die Bautätigkeit während der Benediktiner-Zeit war enorm. Die Kirche wurde nicht nur vergrößert, es entstanden auch ein Refektorium (Einnahme der Mahlzeiten), ein Schlafsaal und weitere Räume, die im Zusammenhang mit dem Pilgerstrom notwendig wurden.

Doch das Bauen auf dem felsigen Granitberg war alles andere als einfach. Die Baumeister lernten zwar bei jeder Erwei­terung hinzu, mussten aber auch derbe Rückschläge einstecken. Im Jahre 1103 stürzte die Nordseite des Kirchenschiffs ein. Nur 10 Jahre später beschädigte ein Feuer die Abtei. Das Feuer war in der kleinen Stadt am Fuße des Mont ausgebrochen und breitete sich von Haus zu Haus bis zur Kirche aus. Das wiederholte sich nach weiteren 20 Jahren.

Im Jahre 1433 verwüstete wieder einmal ein Brand einen Teil der Stadt, trotz der Steinhäuser, die als Ersatz für die Holzhäuser gebaut worden waren. Bei jedem Neuaufbau und jeder Erwei­terung bemühte man sich aber, die Grundstruk­tur der kleinen Stadt beizubehalten. Wahrschein­lich blieb den frühen Bauherren und späteren Restauratoren wegen der beengten Platzver­hältnisse am Berg garnichts anderes übrig.

Trotz der zahlreichen Brände, Beschädigungen und Einstürze wurden die Baumeister immer mutiger. Sie wagten sich im Laufe der Zeit an Strukturen heran, die bis dahin nicht für möglich gehalten wurden. Früher gebaute Mauern wurden massiv verstärkt, denn sie mussten den Druck der darüber zu bauenden mehrgeschossigen Gebäude aushalten können. So entstand schließlich im Laufe der Zeit ein riesiger Bau­komplex, der grob gesehen in drei Ebenen auf den Fels gepfropft ist. Einzelne Gebäude sind sogar 6-stöckig.

Dabei kann zumindest der Besucher oft nicht genau ausmachen, welcher Raum zu welchem Gebäude gehört und wie diese untereinander verbunden sind. Eine Vielzahl von Fensterarten, Türmen, Treppen und Übergängen sind zu sehen. Dazu kommen noch die verschiedenen Baustile der über 1200-jährigen Baugeschichte. An verschiedenen Stellen ist sichtbar, dass weit mehr geplant war, als heute (2019) zu sehen ist. Der Mont-Saint-Michel ist also längst noch nicht fertig, oder?

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt

In der Abteikirche

Man glaubt nicht, in dieser riesigen Kirche so weit oben auf einem spitzen Granitfels zu stehen. Was da die Baumeister sich zugemutet haben, kann heute noch nur bewundert werden. Sämtliche Unterbauten, die Krypten, mussten bis auf den unterschiedlich hohen Fels gegründet werden. Es waren manchmal mehrgeschossige Gebäude nötig, die letztendlich die Last aller darüberliegenden Mauern und zum Schluss die Kirche zu tragen hatten.

Die Kirche besteht wie üblich aus dem Chor, dem nördlichen und südlichen Querschiff (Seiten­schiffe), der Oberkirche und dem romanischen Hauptschiff (Langhaus). Wohl aus statischen Gründen, d.h. um Gewicht zu sparen, wurde die Langhausdecke anfangs nur mit einer einfachen Holzbalkenkonstruktion gebaut. Das heutige Holzgewölbe stammt aus dem 19. Jh. Das Querhaus und der Chor haben steinerne Tonnengewölbe, die Seitenschiffe Kreuzgratgewölbe.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt

Spätgotischer Chor von 1521, der an das alte romanische Hauptschiff angebaut wurde. Fertiggestellt hat den 25 Meter hohen Chor der Abt Jean III. de Lamps.

Die Nordseite des Hauptschiffs war im Jahre 1103 aufgrund von Strukturschwächen eingestürzt und begrub den darunter liegenden Schlafsaal der Mönche. Die Mönche hatten Glück, sie waren gerade zur Morgenandacht. Die Wiederherstellung des Hauptschiffs erfolgte wieder im romanischen Stil. Allerdings wäre bald im 19. Jh. die gesamte Kirche in ein romanisches Gotteshaus zurückverwandelt worden. Man wollte alle gotischen Elemente, und damit auch den gotischen Chor, eliminieren. Gott sei Dank kam es aber nicht dazu.

Chapelle Sainte Madeleine

Das Basrelief der vier Evangelisten zeigt den Apo­stel Markus mit dem Löwen, Apostel Johannes mit einem Adler, Apostel Lukas mit einem Stier und schließlich Apostel Matthäus mit einem Engel. Es ist eine Arbeit aus dem Jahre 1547 von Pierre de Caen. Das Relief befindet sich im nördlichen Seitenschiff der Abteikirche.

 

 

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt

Auf der Westterrasse

1776 stürzte beim 11. Brand ein Teil der romanischen Joche des 11. Jh. ein. Als Ersatz entstand die Westfassade.

Südfassade mit dem großen Rittersaal-Fenster, darüber die Fenster des Kreuzganges. Links der quadratische Turm des Abts Pierre Le Roy, gebaut um 1400. Im Turm befand sich das Archiv des Abts. Diese Urkundensammlung der Abtei wurde aber 1944 bei der Invasion der Alliierten vernichtet.

Zisterne aus dem 16. Jh. gebaut vom Abt Robert Jolivet, um die Mönche, Soldaten und Bewohner des Berges mit Regenwasser zu versorgen. Der Abt organisierte auch den Bau vieler Befestigungsanlagen, um die Stadt und die Abtei vor den Angriffen der Engländer zu schützen.

1780 von Mauristen gebaute Fassade im Stil der französischen Klassik nach jesuitischen Prinzipien.

Rechts: Turm Gabriel mit Leuchttürmchen. Das Bollwerk wurde 1524 vom Hauptmann Gabriel du Puy de Murinais gebaut. Es hat einen Durchmesser von 16 Meter, enthält 15 Schießscharten. Das Wachtürmchen ist eine im 18. Jh. gebaute Windmühle, die später als Leuchtturm diente.

Die Kaserne "Les Fanils" am Südhang des Mont wurde 1828 auf dem Grund des früheren Abtei-Lagergebäudes gebaut. Man brauchte Platz für etwa 100 Aufseher des Gefängnisses und der Erziehungsanstalt, in der auch Kinder eingesperrt waren.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt

Der Kreuzgang

Unabhängig vom Wetter und nur vom Gebet unterbrochen konnten die Mönche in der rechteckigen Galerie wandeln, meditieren und den Himmel geniesen, da diese Anlage nach oben die anderen Gebäude abschließt. Der Kreuzgang, fertiggestellt im Jahre 1228, ist gewissermaßen der Freizeitpark der Klostergemeinschaft, geschützt vom durchgängigen Holzdach, das auf 137 schlanken Säulen ruht, die in doppelter Reihe rings um den Garten angeordnet sind. Den äußeren Rahmen bilden dicke Granitmauern, an der Westseite ist das Refektorium. Die Dachkonstruktion ist von einem Tonnengewölbe verkleidet. Diese ganze, im Grunde leichte Konstruktion war nötig, da der Kreuzgang auf der Spitze des Merveille-Gebäudekomplexes ruht. Ein Steingewölbe mit den nötigen dicken Säulen wäre viel zu schwer gewesen.

Bemerkenswert sind die inneren Säulenreihen mit reich verzierten Symbolen und Figuren aus leicht bearbeitbarem Kalkstein. Das umgebende Dekor stellt Blattwerk und Blumengirlanden dar, das sie Üppigkeit der Schöpfung symbolisiert und an das verlorene Paradies auf Erden erinnert. Diese Blütendekoration ist ein häufiges Thema in der gotischen Kunst des 13. Jh.

Der zentrale Garten war schon Anfang des 17. Jh. angelegt worden, musste aber wieder entfernt werden, da Wasser in den darunterliegenden Ritterssaal eindrang. Der Abt ließ isolierende Bleiplatten montieren, die aber auch nicht dauerhaft das Problem des durchsickernden Wassers lösen konnten. Der Garten existierte deshalb nur 43 Jahre (1623 bis 1676).

Erst im Jahre 1965 brachte eine neuzeitliche Betonplatte die Lösung. Der jetzige Garten (2019) besteht seit 1966, entworfen vom Pater Bruno de Senneville.

Der Kreuzgang diente neben der Meditation auch als Verbindungsweg zu verschiedenen Gebäude­teilen, wie der Küche, dem Schlafsaal, der Kir­che, dem Archiv und dem Refektorium. Das Refektorium schließt sich auf Ebene des Kreuz­gangs in östlicher Richtung an.

Kreuzgang, hinten die Westfassade des Refektoriums

Dieser recht einfache Klostergarten besteht erst seit 1966.

Fast alle Säulen wurden bis 1878 ersetzt.

Sehr schönes Blattwerk und Blumen aus früher Zeit

Das Refektorium

Im Refektorium nahmen die Mönche unter dem Vorsitz des Abtes schweigend ihre Mahlzeiten ein. Es wurde im 13. Jh. gebaut, ist etwa 30 Meter lang und 10 Meter breit. Es ist von einem weiten verkleideten Tonnengewölbe überdeckt, das aus einer Holzkonstruktion aus dem 19. Jh. besteht.

In der nächst tieferen Ebene befindet sich direkt unter dem Refektorium der Gästesaal, der für festliche Anlässe und hochrangige Besuche vorgesehen war.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt

Der Rittersaal

Der Rittersaal liegt unterhalb des Kreuzganges auf gleicher Höhe des westlich angrenzenden Gästesaales. Der 26 Meter lange und 18 Meter breite Raum ist durch drei Säulenreihen in vier Schiffe geteilt. Das Rippengewölbe erzeugt durch den spitzen Verlauf seiner Bögen ein ganz besonderes Licht-Schatten-Spiel. Der Raum wird durch das riesige bogenförmige Fenster in der West­wand förmlich vom Licht durchflutet.

Die Öffnung sollte ursprünglich der Übergang zu einem dritten Flügel der Merveille sein, der aber nie gebaut wurde. Dieser dritte Flügel sollte wahrscheinlich eine Bibliothek aufnehmen und als Basis für einen darüber liegenden Kapitelsaal (auf Höhe des Kreuzganges) dienen, der demzufolge auch nie gebaut wurde.

Der Rittersaal wird auch als "Kapitelsaal" bzw. "Empfangssaal" bezeichnet und hat wahrscheinlich nie einen Ritter gesehen. Der Saal diente den Mönchen als Arbeitsraum. Ab dem 13. Jh. wurden hier Bücher kopiert. Dazu war der Raum gut geeignet, denn der beheizbare Raum erlaubte Schreib- und Malereiarbeiten auch bei niedrigen Außentemperaturen.

Der 4-schiffige Rittersaal unterhalb des Kreuzganges

2 Kamine spenden Wärme, ein seltener Luxus. Sogar Latrinen standen zur Verfügung, die sich hinter den beiden Kaminen befanden.

Die geschaffenen Werke der Abtei sind teilweise erhalten und werden im nahegelegenen Ort Avran­ches aufbewahrt. Die Kopie von alten Büchern wurde schlagartig bedeutungslos, als der Buchdruck erfunden wurde. Später diente der Rittersaal deswegen hauptsächlich als Ort des Studiums.

Der Gästesaal

Der Gästesaal (Salle d'hotel) liegt unterhalb des Refektoriums auf gleicher Höhe des östlich angrenzenden Rittersaals. Der festlich wirkende Raum ist durch eine Reihe von sechs schlanken Säulen in zwei Schiffe geteilt. Die hohen schmalen Doppelfenster lassen das spitzbögige Gewöl­be sehr plastisch erscheinen.

Der Saal stellte sich früher nicht so nackt dar, wie er heute (2019) ist. Die Wände waren mit buntem Holz verkleidet, die Spitzbögen waren mit Fresken ausgemalt. Der geflieste Fußboden sah nicht so fad aus wie heute. Zum Beispiel wurde für König Ludwig VI. und Königin Bianca von Kastilien der Fußboden mit den Wappen von Frankreich und Kastilien geschmückt.

Die Ausstattung mit den großen Kaminen zeugt von einer gewissen Unabhängigkeit der Gäste vom restlichen Klosterbetrieb. Der Kaminbereich konnte durch einen großen Vorhang abgetrennt werden. Dadurch entstand eine Küche. Der restliche Teil wurde als Speisesaal genutzt.

Gästesaal für Könige und Adlige, unter dem Refektorium

Refektorium (Speisesaal der Mönche), über dem Gästesaal

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt

Der Lastenaufzug

Der Lastaufzug wurde im Jahre 1820 zwischen zwei Arkaden des früheren Gebeinhauses gebaut, um die Lebensmittelversorgung der Gefangenen sicherzustellen.

Gebeinhaus

Das Gebeinhaus (auch "Karner der Mönche" oder auch "Friedhof der Mönche" genannt) wurde unter dem Abt Robert de Torigny gebaut. Es bestand aus 4 Arkaden, zwischen denen die aus dem Friedhof ausgegrabenen Gebeine der Mönche gelagert wurden. Wahrscheinlich wurde im 11. Jh. dieses Gebeinhaus auf eine niedrigere Höhe verlegt, um nach oben Platz für die große Treppe der Abtei zu schaffen.

Was mit den vielen toten Gefangenen geschehen ist, bleibt im Verborgenen.

Aufzug

Der Lastenaufzug besteht hauptsächlich aus einem riesigen Rad, in dem einige Männer liefen, um so das Rad in Drehung zu versetzen (vergleichbar mit einem Hamsterrad). Ein um die Achse gewickeltes Seil war über eine Kette mit einem Holzkarren verbunden, der außerhalb des Gebäudes (Südseite der Abtei) auf Führungs­hölzern und Holzrollen entlangrutschte. Somit konnten Lasten heraufgezogen, aber auch hinab gelassen werden.

Die Hebekraft reichte für bis zu zwei Tonnen Ladegewicht aus. Das war nur durch die Übersetzung des riesigen Trommelrades mit sechs Metern Durchmesser auf den relativ kleinen Umfang der Radwelle möglich. Es muss eine Qual für die Häftlinge und vor allem sehr gefährlich gewesen sein, im Rad kontinuierlich die enormen Kräfte zu beherrschen.

Ein ähnliches Seilwindesystem, allerdings nicht mit einer so hohen Tragkraft, wurde schon im 12. Jh. bis zum Keller des Gästehauses verwendet. Ein weiterer Aufzug wurde im 13. Jh. im Keller der Merveille eingerichtet.

So nutzbringend die Aufzüge auch waren, sie bargen aber auch gleichzeitig ein großes Sicherheits­risiko. Protestantischen Belagerern war es im 16. Jh. fast gelungen, über eine Aufzugsrampe in die Abtei einzudringen.

Diese Art der Lastenaufzüge war schon unter den Römern üblich. Im Mittelalter wurden solche Aufzüge auch als Hebeeinrichtung beim Bau von Kathedralen verwendet.

Das riesige "Hamsterrad" (Tretrad) des Lastenaufzugs

Durch das Laufen einiger Gefangener innerhalb des Rades wickelte sich ein mit dem Lastenkorb verbundenes Seil um die Radachse. Dadurch wurde der Lastenschlitten den steilen Berg heraufbewegt.

Die Führungshölzer auf der Rampe. Am oberen Bildrand sind die begehbaren Befestigungsmauern zu sehen.

Führungsrolle für das Seil und wahrscheinlich oberer Anschlagsbalken für Kette mit Lastkorb.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt

Der automatische Staudamm

Die folgenden Beschreibungstexte halten sich stark an den englischen Text auf den Erklärungstafeln der Stauanlage.

Der Fluss Couesnon ist seit Urzeiten die natürliche Grenze zwischen Normandie (links) und Bretagne (rechts). Der Mont-Saint-Michel ist heute der Normandie zugeordnet, da der Couesnon westlich (rechts) am Mont vorbeifließt.
Die geführten Watt-Wanderungen sind ein besonderes Angebot, das gerne genutzt wird. Man sollte nicht auf eigene Faust im Meer laufen. Man kann von der Flut in Form einer bis zu 50 Zentimeter hohen Welle überrascht werden. Außerdem gibt es da noch die im Sedimentenschlick äußerlich nicht erkennbaren Schlammlöcher. Gerät ein Wanderer hinein, kann er im Bodenlosen versinken. Selbst mit fremder Hilfe kann es schwer werden, einer solchen Falle zu entkommen.

Das Wehr, das für die Wiederherstellung des maritimen Charakters des Mont-Saint-Michel arbeitet

Durch den neuen Staudamm am Fluss Couesnon soll rings um den Mont wieder eine Watt-Landschaft entstehen, die regelmäßig von den Gezeiten überflutet wird. Eine Vegetation, die den Mont bisher zu umkreisen drohte, soll nicht mehr möglich sein.

Durch die Regulierung des Wassers erhält der Fluss durch die neue Konstruktion genügend Kraft, um Sedimente weit entfernt vom Mont ins Meer zurückzuspülen.

Die Wehranlage ist seit Mai 2009 in Betrieb und ermöglicht dem Fluss Couesnon, sein Mündungsbett mit jeder Flut auszudehnen, bis eines Tages die Klosterinsel wieder vom Wasser umgeben ist.

Voraussetzung für die Wirksamkeit der hydraulischen Wehranlage war 2015 die Ablösung der alten Deichstraße durch eine Kombination aus Deichstraße, Brückensteg und überflutbarem Endplatz am Mont. Durch die Brücke werden Sedimentablagerungen vermieden. Das Wasser kann jetzt ungehindert die Insel umspülen.

Wendeschleife vor dem Mont; bei Flut unter Wasser

Blick vom Wehr auf den Mont-Saint-Michel

 

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt
Warum wurde ein neuer Damm benötigt?

Seit dem 19. Jh. hatten zahlreiche Einwirkungen des Menschen die Landschaft rund um den Mont in Mitleidenschaft gezogen: Die Kanalisierung des Flusses Couesnon (erstmals 1863) und der Bau von Deichen ermöglichte die Rückge­winnung von Agrarland aus dem Meer. Für die Besucher des Mont wurde schon 1879 ein neuer Fahrdamm gebaut. Von 1901 bis 1944 gab es auf dem Damm neben der Straße sogar eine Schmalspur-Dampfeisenbahn. Die Umströmung der Insel war unterbrochen. Später ermöglichten es Parkplätze vor dem Mont, mit dem Privatauto bis zur Insel (die keine Insel mehr war) zu fahren. Diese Arbeiten verringerten den Tidenhub rund um den Mont. Dadurch stauten sich mehr und mehr Sedimente an, die der Fluss mitbringt und vom Meer kommen. Die Geschwindigkeit des Wasserabflusses aus der Bucht in Richtung Meer verringerte sich. Die Bucht begann, rings um den Mont und darüber hinaus zu versanden.

Der Schutz vor Überschwemmungen

1969 wurde am Couesnon ein Damm gebaut, der verhindern sollte, dass die Flut in das Flussbett steigt. Immer wieder kam es bei hohem Flut­pegel zu Überschwemmungen. Das Fernhalten des Meerwassers vom Fluss führte aber dazu, dass der Fluss seinen Lauf im Mündungsgebiet nicht mehr reinigen konnte, da bei abnehmenden Meerespegel keine zusätzliche Strömung vom Land zum Meer vorhanden war. Es siedelten sich im Mündungsgebiet Pflanzen an, die das Problem zusätzlich verschärften. Hätte man nichts unternommen, wäre die Insel innerhalb von 40 Jahren von einer Vegetation umgeben.

Das neue veränderbare Wehr

Im Gegensatz zum alten Damm ist die neue Struktur veränderbar. Ein Wehr öffnet sich, um das Wasser in den Fluss fließen zu lassen. Das hydraulich betätigte Wehr hat eine Breite von 72 Metern. Bei jeder Flut werden acht Schleusentore geöffnet, damit sich das obere Flussbett mit Meerwasser füllt und somit der Flusspegel steigt. Das Wasser dringt mehrere Kilometer bis in die Moidrey Bucht vor. Die Schleusentore werden dann geschlossen.

Die Wehranlage flussaufwärts gesehen.

8 hydraulisch betätigte Schleusentore

Schleusentor mit wuchtigem Antriebsrad

Blick flussaufwärts mit dem gestauten Wasser

Das Wasser wird solange gespeichert, bis der Meeresspiegel durch die folgende Ebbe tief genug ist, um eine starke Strömung in Richtung Meer erzeugen zu können, sobald die Schleusentore wieder geöffnet werden. Diese Strömung nimmt nicht nur die Sedimente des Flusses mit, sondern spült zusätzlich die Alagerungen vor dem Mont in tiefere Regionen des Meeres. Mit anderen Worten, das gestaute Wasser spült die Bucht frei. Ab der nächsten Flut wiederholt sich der Vorgang von Füllen-Speichern-Ablassen. Im Laufe der Jahre soll so der Mont wieder eine richtige Insel werden.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt
Wirkung der Schleusentore
1. Sperren

Die Tore werden 1,5 Stunden vor der Flut geschlossen. Die erste Flutwelle des Meeres trifft auf die Tore und die Strömung beruhigt sich, während das Wasser steigt. Dadurch werden die seeseitig in die Bucht mitgebrachten Sedimente im Mündungsgebiet des Flusses abgelagert. Die Sedimente gelangen also nicht in den Fluss oberhalb der Tore.

2. Füllen

Die Tore werden spätestens 10 Minuten vor dem Höhepunkt der Flut zum größten Teil geöffnet. Der Fluss füllt sich nun durch Überlaufen der Schleusentore mit Wasser, das nur noch wenig Sedimente enthält. Das ist vergleichbar mit dem langsamen Ausgießen eines Wassereimers, dessen Bodensatz im Eimer bleibt. Während des Überlaufens der Tore füllt sich das Flussbett entsprechend der Fluthöhe, aber ohne Sedimente.

3. Speichern

Die Tore werden kurz vor der einsetzenden Ebbe geschlossen. Je nach Jahreszeit und Tidenhub sind nun zwischen 70.000 und 700.000 Kubik­meter Wasser im Fluss gespeichert. Je höher das gespeicherte Wasservolumen ist, desto länger dauert es, bis das Wasser wieder freigesetzt ist.

4. Ablassen

Die Tore werden 6 Stunden nach dem Höhepunkt der Flut nach und nach so geöffnet, dass das gespeicherte Wasser unterhalb der Torflügel in Richtung Meer läuft. Dieses Ablassen geschieht je nach Pegelstand gesteuert so, dass das Wasser ohne Wellenbildung, aber auch ohne Unter­brechungen etwa 2 bis 5 Stunden flussabwärts in das Mündungsgebiet und schließlich ins Meer fließt. Dieser Vorgang ist am Besten geeignet, möglichst viel Sedimente mitzunehmen und damit die Felseninsel freizuspülen.

Tiden-Zyklus der Schleusentore (Fotos einer Info-Tafel)

Neben den 8 Schleusentoren gibt es auch noch 2 Fischschleusen, um Fischen und anderem Getier das ungehinderte Passieren der Wehranlage zu ermöglichen.

In der Vergangenheit ist der Mont-Saint-Michel durch falsche Maßnahmen der Versandung nur knapp entgangen. Es bleibt zu hoffen, dass diese Wehranlage der Insel endgültig hilft, ein wunderschönes Kunstwerk im Meer zu bleiben.

Zahlstation ist Endstation. Die Parkplatzautomaten stehen noch vor dem Weg zum Parkplatz.

Auf dem Weg zum Parkplatz: Müde, zufrieden, glücklich und mit den Gedanken an längst vergangene Zeiten.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel
2019 © Peter E. Burkhardt
Abschließend ein schöner Anblick mit Hochachtung vor den Menschen, die solche Bauwerke im Glauben an Gott schufen
Verehrung der Reliquien

Wunsch der Pilgernden zum Mont ist, mit dem Erzengel Gabriel als Medium zu Gott in Kontakt zu treten, um damit Gehör zu finden, damit sich die Pforte zum Paradies öffnet. Diesem Wunsch, mit Gott in Verbindung zu treten, dient auch die Verehrung von Reliquien.

Die Felseninsel selbst ist dabei die größte und augenscheinlichste Reliquie, obwohl sie von der Natur gemacht ist. Sie ist aber ein Heiligtum geworden. Einige der ursprünglichen Felsen sind innerhalb der Gemäuer freigelegt und nicht bebaut.

Die Zahl der pilgeranziehenden Reliquien wurde seit den Anfängen der heiligen Inselgeschichte immer mal wieder vermehrt, indem die Geistlichen verschiedene Dinge heilig sprachen bzw. deren Echtheit bescheinigten. Auch gab es mehrere Wunder und Erscheinungen im Zusammenhang mit dem Mont-Saint-Michel, die den heiligen Ruf der Insel förderten und festigten.

Bereits im 12. Jh. wurden in der Kirche Notre-Dame-sous-Terre und im südlichen Abtei-Querschiff 49 Reliquien angebetet. Im 13. Jh. soll aus heiterem Himmel ein Stein mit "Jesus" als Inschrift auf den Mont gefallen sein. Unübertroffen sind 246 Überreste von 150 Heiligen, die ebenfalls im 13. Jh. von den Pilgern sogar teilweise berührt wurden, um geheilt zu werden.

Es gibt eine Menge Reliquien, deren Herkunft oft unbekannt ist bzw. deren Wahrhaftigkeit angezweifelt werden darf. Beipiele dafür sind ein Zahn Johannes des Täufers, ein Finger des Heiligen Vinzenz (Hüter der Weinbauern), sogar ein wenig Blut des Heiligen Benedikt, ein Stück der Jesus-Krippe, Haare der Jungfrau Maria, Holzsplitter vom Jesus-Kreuz usw. und so fort.

Allen diesen Reliquien gemeinsam ist die Tatsache, dass sie bei Anbetung oder Berührung gegen fast alle Krankheiten helfen. Das ist ernst gemeint. Denn der Glaube versetzt Berge. Mindestens die Hälfte einer Genesung ist psychisch bedingt. Wer fest daran glaubt, auf dem rechten Weg zu sein, eine Krankheit oder sonstige schwierige Lebenslage zu überwinden, ist zur Hälfte schon geheilt. Den Rest besorgt unser Körper, meistens jedenfalls.

Zum Reliquien-Schädel des Bischofs Aubert

Die bedeutendste Reliquie im Zusammenhang mit dem Mont-Saint-Michel, der durchbohrte Schädel des Bischofs Aubert, ist heute (2019) in der Kirche Saint-Gervais in Avranches (gegenüber der Felseninsel) ausgestellt. Das Loch, das der Erzengel Gabriel im Kopf des Bischofs als Er­innerung an den Kirchenbau hinterlassen hatte, zeugt von der Wahrhaftigkeit der heiligen Überlieferung. In Avran­ches wird auch ein Arm vom Bischof Aubert aufbewahrt.

Tatsächlich soll Bischof Aubert lange Zeit seines Lebens einen gutartigen Tumor an der rechten Seite seines Kopfes gehabt haben, der nach außen durch eine große Beule sichtbar war.

Tourismus

Neben dem Eifelturm ist der Mont-Saint-Michel die meistbesuchte touristische Attraktion in Frankreich. Neben den religiös motivierten Besuchen gilt vor allem: Man muss dort gewesen sein! Die Folge sind schon zu Beginn des 20. Jh. skrupellose Geschäftemacher, die nicht zögerten, den Besuchern mit Pilgerzertifikaten, Abzeichen, Muscheln, Wachs, Altarkerzen und anderem Schnickschnack das Geld aus der Tasche zu ziehen. Teilweise ist das heute (2019) noch so.

Die wenigen verbliebenen Einwohner auf der Felseninsel leben nahezu alle vom Tourismus. Sie haben die Verdienst­flaute nach der Aufgabe als Gefängnisinsel längst überwunden. Allerdings herrscht trotz der vielen Inselbesucher ein harter Wettbewerb zwischen den vielen Geschäften, Restaurants und Hotels. Jeder will, verständlicherweise, soviel wie möglich vom Tourismus-Kuchen abhaben.

Allerdings macht sich auch hier eine gewisse Monopoli­sierung breit. Zum Unternehmen "La Mère Poulard" auf dem Mont gehören 8 Restaurants und 6 Hotels, mehrere Läden in Paris und Westfrankreich sowie eine Bäckerei, die Kekse der "Mutter Poulard" in 70 Länder exportiert.

Auf dem Festland profitieren vor allem die Hotels und Restaurants vom Tourismus-Boom. Dazu wurde auch die nötige Infrastruktur stetig ausgebaut. Überrascht war ich zum Beispiel vom riesigen Parkplatz auf dem einst landwirtschaftlich genutzten freien Feld.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel – Aire de Behen
2019 © Peter E. Burkhardt

Sa 01.10. – Mont-Saint-Michel, Rouen, Aire de Behen

Route 1.10.2016 Mont-Saint-Michel bis Aire de Behen (349 km)

Mont-Saint-Michel > N175 Avranches > A84 etwa 8 km nach Avranches: Rastplatz Aire de la Baie (48.74116, -1.28857) > A84 > N814 S-Umfahrg. Caen > D613 Lisieux > D613 > D438 Rouen (Stadtdurchfahrt) > A28 bis Parkplatz Aire de Behen (etwa 8 km vor Abbeville)

Abschiedsgedanken vom Mont-Saint-Michel

Was bleibt, ist die Erinnerung. Dies kam mir in den Sinn, als ich 16.40 Uhr vom Parkplatz am Mont-Saint-Michel losfuhr. Die meisten Autos waren schon weg. Mein Navi zeigte an: 725 Kilo­meter bis Kelmis. Das war heute nicht mehr zu schaffen. Immerhin musste ich dazu noch eine große Strecke in Frankreich zurücklegen und dann quer durch ganz Belgien bis zum Dreilän­dereck Belgien-Holland-Deutschland fahren.

Bloß gut, dass sich die dicken schwarzen Wolken verzogen hatten. Überhaupt hatte ich heute angesichts des Mont-Besuches Glück. Noch auf dem Weg vom Parkplatz zum Mont heute früh hatte ich Zweifel, vernünftige Fotos mit nach Hause zu nehmen. Doch dann riss kurz vor der Felseninsel der Himmel auf und die Sonne schaute nach mir. Die Fotos vom Mont zeigen zwar, dass ab und zu eine vorwitzige Wolke meinen Besuch eintrübte, aber der Wettermacher, wer auch immer das sein soll, schob immer wieder den beginnenden Vorhang zur Seite und ließ die Strahlen der Sonne mich freudig stimmen.

In den fast 6 Stunden meines mit vielen neuen Eindrücken gespickten Besuches einschließlich Auf- und Abstieg hatte sich in mir eine gewisse Dankbarkeit breit gemacht. Wie soll ich es ausdrücken? Ich war einfach wieder einmal so richtig mit mir und mit der Welt zufrieden, ohne dass ich in solchen Situationen weiß, warum.

Die Monastische Gemeinschaft zu Jerusalem

An dieser Stelle muss ich aber trotzdem sagen: 6 Stunden sind viel zu wenig, man sollte mindestens 2, besser noch 3 Tage für den Mont-Saint-Michel einplanen. Es blieb für mich viel zu viel Unentdecktes und der Kontakt zu der jetzt dort lebenden "Monastischen Gemeinschaft zu Jeru­salem" (Fraternité Monastique de Jérusalem) fehlte sowieso. Zu gern hätte ich einer ihrer Mes­sen beigewohnt. Die Gemeinschaft bestand in 2016 aus 7 Schwestern (Nonnen) und 4 Brüdern (Mönche) und hatte im Jahre 2001 die Tradition der inzwischen nicht mehr tätigen Benediktiner übernommen. Gemeinschaften von Jerusalem wurden in den 70er Jahren auf Initiative des Pariser Erzbischofs Kardinal Marty gegründet.

Eine viertel Stunde nach meinem Start bin ich schon wieder auf der Autobahn (A84).

So liebe ich es, schönes Wetter und leere Autobahn.

Die Monastische Gemeinschaft muss man sich nicht so streng vorstellen, wie es die Bene­diktiner-Regeln verlangen (Beten, Schweigen, Arbeiten). Die Gemeinschaft sucht die Öffent­lichkeit, hält öffentlich Messen ab und arbeitet teilweise in weltlichen Berufen außerhalb der Klostermauern. Trotzdem gibt es die Verborgen­heit des Ordens in Trennung von der Welt, um das einfache Leben zu praktizieren, um zu beten und um damit Gott nah zu sein. Man kann auch sagen, der Orden verbindet die Welt, den Men­schen, mit Gott. Die Schwestern und Brüder zeigen der Welt, was sie im Zwiegespräch mit Gott schon längst erfahren haben. Sie behalten ihren Glauben nicht für sich, sie tragen ihn hinaus ins weltliche Leben.

Gerade sah ich links noch einmal das Meer, ich fuhr auf der N175 in der Nähe von Avranches in Richtung Caen. Den ganzen Tag hatte ich noch nichts gegessen und wie so oft zu wenig getrunken. Ich hoffte nun auf den nächsten vernünftigen Parkplatz.

Frankreich 01.10.2016: Mont-Saint-Michel – Aire de Behen
2019 © Peter E. Burkhardt
Rast auf dem Aire de la Baie

Der Aire de la Baie etwa 8 Kilometer nach Avan­ches ist ein recht großer Parkplatz für PKW und LKW mit vielen Bäumen und Tischen, allerdings letztere nur aus Stein. Zuerst schoss ich ein paar Fotos, eine Aussichtsplattform lud mich förmlich dazu ein. Die leichten Hügel, ab und zu mit Baumbewuchs, und die Bauernhäuser in den Tälern weckten in mir Erinnerungen an meine Kindheit. Auch ich bin in einem Dorf mitten in der Natur aufgewachsen. Bis zu 6 Jahren kannte ich die Stadt nicht, ich wusste eher, wie man auf Bäume klettert und die jungen Holztauben (eine kleinere Verwandte der Haustaube) stiehlt, um sie zu Hause fett zu füttern, damit dann die Fami­lie einen kleinen Sonntagsbraten hat. Natürlich hat mein älterer Bruder dabei geholfen, das heißt, er hat mir diese Räuberei erst beigebracht.

Gedankenverloren lief ich zurück Richtung Auto und wurde plötzlich massiv von einer Maschi­nenpistole und einem Jagdgewehr bedroht. Im ersten Moment bekam ich einen mächtigen Schreck. Zwei Jungs standen vor mir und hielten mir ihre täuschend echt ausschauenden Plastik­waffen entgegen. Bleib ruhig!, dachte ich. Der eine war ein dicker kräftiger vielleicht 13-Jähriger, der andere ein kleinerer schmächtiger Typ von vielleicht 12 Jahren.

Die wollten wohl in der Praxis ihr letztes Baller­spiel nachstellen. Das alles spielte sich direkt am Auto ab. Sie hatten wahrscheinlich auch das deutsche Kennzeichen wahrgenommen und sich vorgenommen, dem Deutschen zu zeigen, wer hier das Sagen hat. Das ist natürlich nur eine Spekulation von mir, jedenfalls waren die Kinder ungewöhnlich übermütig und respektlos.

Da ich kein Wort Französisch kann und ich mit Deutsch hätte wohl nichts ausrichten können, wies ich nur per unmissverständlicher Handbe­wegung den Kriegstrupp an, sich zurückzuziehen, d.h. zu verschwinden. Dabei machte ich drohend zwei, drei Schritte auf die Jungs zu. Der Dicke feixte übers ganze Gesicht, der Schmächti­ge schaute ängstlich drein, sagte etwas zu seinem "Chef" und beide liefen Richtung Toilettenhäusl, nicht ohne vorher noch ein paar Schüsse (laute Knallgeräusche) auf mich abzugeben.

Unglaublich, oder? So etwas hatte ich bis dahin noch nicht erlebt. Über die wirkliche Motivation für das Verhalten der Jungs kann ich nur spekulieren: Übermut, Spielsucht, Hass? Ich habe keine Ahnung.

Goßer Rastplatz Aire de la Baie, A84 Nähe Avranches

Dieser Blick vermittelt Frieden (Ausblick vom Rastplatz)

Solche Bauernhäuser erinnern mich an meine Kindheit. Unser Hof war zwar ein 3-Seiten-Hof, doch mein Geburts­haus sah fast genauso aus.

Während ich nun meine Mahlzeit herrichtete und froh war, nach der Aufregung selbst wieder ruhig geworden zu sein, beobachtete ich die Beiden weiter. Sie spielten tatsächlich auch am Häusl Krieg oder übten, für was auch immer, einen Überfall. Einer war drinnen im Haus, der andere draußen, geschossen wurde durch ein schmales Lüftungsfenster. Die Knallerei nervte.

Auf dem Platz war ich fast allein, die entfernt parkenden LKW-Fahrer hörten nichts oder sie interessierte das Spiel nicht. Verständlicherweise dehnte ich deshalb meine Rast nicht unnötig aus, vor mir lag sowieso noch eine unbekannte Strecke mit zu dieser Zeit noch unbekanntem Schlafplatz. Die neue Wolkenwand am Horizont versprach auch nichts Gutes.

Frankreich 02.-04.10.2016: Aire de Behen – Kelmis – Chemnitz
2019 © Peter E. Burkhardt

So 02.10. – Aire de Behen, Charleroi, Kelmis

Route 2.10.2016 Aire de Behen bis Kelmis (371 km)

A28 Parkplatz Aire de Behen (etwa 8 km vor Abbeville) > A28 bis nördlich von Abbeville > D928 Marconne > D939 > D83 > D301 > A21 N-Umfahrg. Lens > A21 > A2 Valenciennes > Mons (Belgien) > Charleroi > Namur > Lüttich > Kelmis

Rastplatz Aire de Behen

Nachdem ich etwa 8 Kilometer vor Abbeville (unweit der belgischen Grenze) und 349 Kilometer nach meiner Abfahrt beim Mont-Saint-Michel bei strömenden Regen den Parkplatz Aire de Behen angefahren hatte, war ich überhaupt nicht in der Lage zu prüfen, ob es richtig sein würde, die Nacht hier zu verbringen. Es war schon dunkel, die wenigen Stellplätze waren leer. Wieder einmal war das Trommeln des Regens meine Schlafmusik.

Am nächsten Morgen merkte ich, so schlecht war der Platz nicht. LKW-Stellplätze gibt es nicht, ein wenig Wald ist auch vorhanden und die Autobahn hört man kaum. Neben mir stand auch ein PKW mit Schlafgast, der es aber offensichtlich noch nötiger als ich hatte. Bei meiner Abfahrt, es war noch früh am Tage, schlief er (oder sie?) immer noch. Der Regen hatte zwar aufgehört, der Himmel war aber total zu. Fotos zu machen hatte ich glatt vergessen.

In Belgien

Den letzten Navi-Eintrag habe ich aus Belgien: 7.50 Uhr, bis Kelmis 133 Kilometer. Das war etwa 90 Kilometer vor Liége. Gestern musste ich in Frankreich teilweise auf sehr schmalen Straßen durch Wald fahren, wahrscheinlich ein Erholungs- oder Naturschutzgebiet (Parc Naturel Régional Scarpe-Escaut bei Valenciennes), denn die Straßen waren als Ferienroute ausgeschildert. Es war schrecklich, die Straßen waren schlecht, man durfte nur 50 bzw. 60 km/h fahren, eigentlich untypisch für Frankreich.

Schon um 10.15 Uhr kam ich in Kelmis an, da war erst einmal ein vernünftiges Frühstück aus dem Kühlschrank angesagt. Alles Weitere bleibt mein Geheimnis, zumindest im Web.

Mo 03.10. – Kelmis

Aufenthalt in Kelmis

Aus Datenschutzgründen und zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte sind wie immer auch in dieser Web-Ausgabe
bestimmte private Informationen und Fotos nicht enthalten. Dazu gehört auch der Aufenthalt in Kelmis.

Di 04.10. – Kelmis, Köln, Gießen, Eisenach, Chemnitz

Route 4.10.2016 (609 km)

Kelmis > Köln > Bonn > Limburg an der Lahn > Wetzlar > Gießen > Eisenach > Jena > Gera > Chemnitz

Nun ist zwar die Fahrt von Kelmis nach Chemnitz für mich schon bald wie ein Spaziergang ums Haus, diesmal aber nicht. Der Start 16.30 Uhr war noch normal. Dann kam das Desaster. Ab Köln Olpe war AB-Vollsperrung und wegen LKW-Unfall ein Riesenstau. Ich musste Richtung Bonn fahren, dann Siegburg und Limburg, natürlich alles mit Staus oder teilweise im Schritt-Tempo. Erst ab Gießen, nach 3 Stunden Verzögerung, war der Verkehr wieder normal.

Lange währte meine Freude nicht, vor dem Tunnel kurz vor Jena war wieder Stopp. Zwischen zwei LKWs eingekeilt stand ich fast im Graben, 4 oder 5 Einsatzfahrzeuge rasten zwischen den Autokolon­nen Richtung Tunnel. Wenig später flog ein Hubschrauber über unsere Köpfe. Die Autoschlange hatte ihren Kreislauf auf Null gesetzt, sprich, alle Motoren waren aus. Die etwa 7 Grad draußen krochen langsam ins Auto. Kurz den Motor an, die Heizung auf Maximum, der LKW hinter mir tat's auch.

Die Nacht war stockdunkel, geregnet hat es aber nicht. Plötzlich flammte noch vor dem Tunnel irgendetwas auf, das Feuer schoss mehrere Meter hoch und ließ die Blechkarawane gespenstig erscheinen. Dann war wieder Ruhe und Dunkelheit — lange Zeit. Ein Unfall im Tunnel? Das wäre garnicht gut, für alle.

Später setzte sich die Kolonne wieder in Bewegung. Ich konnte nicht ausmachen, was passiert war. Die Zeit war weg. Doch was ist schon Zeit? Glück hatte ich, mir war ja nichts passiert. Gegen 2 Uhr nachts war ich zu Hause.

Frankreich 2016: Anhang
2019 © Peter E. Burkhardt

Anhang

© Peter E. Burkhardt